Nutzlosigkeit vs. Kriminalität

Aus der Tatsache, dass Flüchtling und andere homines sacri von der “normalen” Bevölkerung ferngehalten werden sollen, zieht Bauman den Schluss, dass eine Eingliederung dieser Menschen in die Gesellschaft nicht erwünscht ist, da ein Bleiben nicht vorgesehen ist:

“Flüchtlinge sind menschlicher Abfall, der dort, wo er eintrifft und vorübergehend aufhält, keine nützliche Rolle einzunehmen und in der neuen sozialen Umgebung weder die Absicht noch die realistische Aussicht auf Assimilation oder Eingliederung hat ” (Bauman 2005, 110).

So stehen die Flüchtlinge vor der Aufgabe, ohne staatliche Hilfe eine Arbeitsstelle zu finden, um zumindest genügend Geld zur Sicherung des eigenen Überlebens zu verdienen. Diese Suche treibt sie dabei oftmals in die Situation, eine illegale Arbeitsstelle anzunehmen oder, wie im Beispiel des vorliegenden Films, nur für Unterkunft und Verpflegung zu arbeiten.

Inhalt der Sequenz

Alexej kommt gerade aus Russland auf der Ladefläche eines Wäschetransporters am Flughafen an. Der Schlepper Dag entdeckt ihn und fordert 1.000€ für sein Schweigen. Als er feststellt, dass Alexej nicht genügend Geld besitzt, bietet er ihm eine Arbeitsstelle an. Nach einem Schnitt sehen wir, wie Dag Alexej begutachtet und seine Eignung einschätzt. Im weiteren Gespräch werden die “Vertragskonditionen” ausgehandelt: Nach einem Jahr Schwarzarbeit für Dag soll Alexej gefälschte Papiere erhalten. Die Wahl der Arbeitsstelle geschieht dabei nach dem Kriterium der Ähnlichkeit: Alexej bekommt die Stelle eines verstorbenen “Klienten” Dags, der ihm ähnlich sieht.

Alexej kommt am Flughafen an

In der vorliegenden Sequenz wird ein Aspekt thematisiert, der zeigt, dass einem Flüchtling genau wie dem homo sacer, der Rückhalt einer staatlichen Macht fehlt. Dadurch, dass er keine Kontakte in Deutschland hat und illegal eingereist ist, ist Alexej, ähnlich wie Viktor Navorski aus The Terminal, zunächst einmal inakzeptabel. Ohne die richtigen Papiere ist er der Gunst Dags vollkommen ausgeliefert und zur Schwarzarbeit verdammt. Dass die Aussicht des Schleppers für ein Jahr Arbeit in seinen Diensten gefälschte Papiere sind, unterstreicht diese Tatsache noch: Es sind die Papiere, die es den staatlichen Institutionen ermöglichen, Alexej als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft und somit als legitimiert für einen dauerhaften Aufenthalt und auch für eine dauerhafte (legale) Arbeit zu betrachten. Würden wir Baumans Thesen zuspitzen, könnten wir anhand dieser Filmsequenz sagen, es seien die Papiere, die die Grenze zwischen Legalität und Illegalität ziehen, wodurch auch diverse Probleme der Flüchtlinge auf den in Kapitel 2 beschriebenen Aufbau von Ordnung zurückzuführen wären.

Alexej

Alexej erhält "seinen" Ausweis

Während des Films erhält Alexej seine Papiere jedoch nicht, sodass er die im vorherigen Filmbeispiel beschriebene Notunterkunft beziehen und sich fortan vor der staatlichen Autorität – in persona des Grenzschutzes – verstecken muss. Solange er den Status als Flüchtling besitzt, hat er – so suggeriert es der Film auf diese Weise – keine Chance, in die Gesellschaft eingegliedert zu werden. Im Gegenteil: Der Staat als inkorporierte Autorität der Gesellschaft
versucht, mit den ihm zur Verfügungen stehenden Mitteln, Alexej und andere homines sacri von seinem Territorium zu entfernen.

Ebenfalls angedeutet wird in der Filmsequenz das Verhalten internationaler Schlepper-Banden, für die ein Mensch, genauer gesagt, sein Transport, nur ein Produkt darstellt. Die Methoden, derer sich die Banden bedienen, sind dabei im Illegalen verortet. So besteht eine Tätigkeit Dags darin, Papiere zu fälschen und somit die staatliche Autorität zu untergraben. Für Bauman stellt diese Form des Handelns im globalen Raum allerdings keine Ausnahme dar: “Alles Handeln im globalen Raum folgt (planvoll oder von allein) den Mustern, die früher mit Mafia-Gruppen oder mit Rechtsbruch im Stil der Mafia assoziiert wurden” (Bauman 2005, 93). Bauman bezieht dieses Zitat auf die Handlungen transnationaler Unternehmen und anderer globaler Akteure, die keine Veranlassung sehen, sich einem, wie auch immer geartetem, internationalen Recht unterzuordnen. Ein Weltrecht sei – so führt Bauman in Anlehnung an Hauke Brunkhorst aus – immer eine “Herrschaft ohne Herrscher”, in der niemand für die Einhaltung des Gesetzes sorgen könne. Folgt man dieser Lesart, kann die Existenz von Schlepperbanden als Resultat der Globalisierung angesehen werden. Für das einzelne Individuum, das sich diesen Banden gegenüber sieht, stellt sich der fehlende Schutz durch einen Staat allerdings als fatal heraus.

Verhalten der Schlepperbanden

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