Schwerpunkt: Flüchtlinge
Der von Bauman fokussierte “menschliche Abfall” beinhaltet in hohem und geradezu exemplarischem Maße auch die Gruppe der Flüchtlinge, die aus verschiedensten Gründen aus der Heimat verdrängt wurden.
Flüchtlinge sind nicht nur wegen mangelnder Integration und Akzeptanz Problemfälle einer Gesellschaft, sondern werden von Administrationen regelrecht im Sinne des eigenen politischen Machterhalts instrumentalisiert:
“So bieten sie ein leichtes Ziel für das Abreagieren von Ängsten, die von der weitverbreiteten Furcht genährt werden, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden; in dieser Dynamik müssen sie wider Willen den Regierungen dazu dienen, deren angeschlagene und schwächelnde Autorität zu stärken.” (Bauman 2005, 90)
Den Status des Flüchtlings brachte schon Bertolt Brecht, von Bauman zitiert, in seinem Gedicht “Die Landschaft des Exils” auf den Punkt, in welchem dieser formulierte, der Flüchtling sei “ein Bote des Unglücks” (Bauman 2005, 95). In diesem Sinne ist der Flüchtling im Gastland unbeliebt und wenig anerkannt. Er stellt eine Bedrohung für die Bevölkerungen der Gastländer dar. Deswegen versuchen andererseits politische Administrationen, zum Teil massiv ihre Länder abzuschotten. Dies unterstreicht auch Bauman mit seiner Aussage:
“Ich möchte hinzufügen, daß die ‚Etablierten’ allen Grund haben, sich bedroht zu fühlen, wenn sie mit einem Zustrom von ‚Außenseitern’ konfrontiert werden [...], mit dem Abfall des weltweiten Triumphs der Moderne, aber auch mit einer neuen, sich weltweit entwickelnden Unordnung” (Bauman 2005, 95).
Worin besteht die vermeintliche Gefährlichkeit des Flüchtlings für die alteingesessene Bevölkerung? Auch darauf formuliert Bauman die detaillierte Antwort:
“Zusätzlich zur Verkörperung des ‚großen Unbekannten‘, das alle ‚Fremden in unserer Mitte‘ darstellen, bringen diese besonderen Außenseiter, die Flüchtlinge, fernen Kriegslärm, den Gestank verbrannter Häuser und zerstörter Dörfer mit, der die Sesshaften unweigerlich daran erinnert, wie leicht der Kokon ihrer sicheren und vertrauten [...] Gewohnheiten durchstoßen und zermalmt werden kann und wie trügerisch die Sicherheit sein muss, die ihre Seßhaftigkeit bietet” (Bauman 2005, 95).
Gleichzeitig trifft das Flüchtlingsproblem auf ein anderes pulsierendes Thema der Moderne, die Globalisierung der Gesellschaften und Märkte, die einerseits in einer medial und wirtschaftlich zusammenrückenden Welt unvermeidbar scheint, andererseits für die Bevölkerungen der konventionellen Nationalstaaten auch als Ursache für Verlustängste und Einbußen an Lebensqualität ausgemacht wurde. Hierzu unterstreicht Bauman:
“Flüchtlinge und Einwanderer, die von ‚weit her‘ kommen, sich jedoch in der Nachbarschaft niederlassen wollen, eignen sich vorzüglich für die Rolle der Strohpuppe, die als Symbol für das Schreckgespenst der ‚globalen Marktkräfte‘ verbrannt wird, denn sie treffen auf Furcht und Ablehnung, weil sie ihre Arbeit tun, ohne sich mit denen zu beraten, auf die sich ihre Präsenz auswirken wird” (Bauman 2005, 94).
Die etablierte Bevölkerung fühlt sich ohnehin durch jegliche Veränderung des Status Quo verunsichert, umso mehr durch einströmende fremde Kulturen, die Arbeitsmarkt und nationale Kultur und Tradition tangieren. Dabei liegt das Bedrohungspotenzial aus Sicht der betroffenen Bevölkerungen sowohl in der Globalisierung der Märkte an sich, als auch in politisch und wirtschaftlich motivierten Flüchtlingen, wie auch Bauman aufzeigt:
“Asylbewerber und ‚Wirtschaftsmigranten‘ sind im Grunde kollektive Ebenbilder [...] der neuen Machtelite in einer globalisierten Welt, die allgemein (und zu Recht) als wahrer Schurke des Stückes verdächtigt wird. Sie sind ebenso wie diese Elite nicht an einen bestimmten Ort gebunden und sie sind unstet und unberechenbar” (Baumann 2005, 94).
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Urangst vor der Globalisierung sich nicht vordergründig auf dieses schwammige Instrumentarium richtet, sondern sich greifbare Ziele zur emotionalen Entladung sucht.
“Auf der Suche nach anderen, geeigneteren Ventilen, reiben sich die Sorgen und Ängste an den verfügbaren Zielen und treten als allgemeine Ablehnung und Angst vor den ‚Fremden nebenan’ wieder ans Tageslicht.” (Baumann 2005, 94)
Letztlich ist täglich festzustellen, dass sich die multinationalen globalisierten Wirtschaftsimperien selbst außerhalb der Kontrolle nationaler Regierungen bewegen.
Der jüngste General-Motors- Konflikt, der als Schauspiel in mehreren Akten über die Bühne ging und bei dem die Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland letztlich vorgeführt wurde, ist ein anschauliches Beispiel dafür. Schon ganz und gar bewegen sich die Globalisierungsträger außerhalb von Fokus und Kontrolle der Bevölkerungen. “Flüchtlinge sind dagegen ein klar erkennbares und unbewegtes Ziel für die unbewältigten Qualen” (Baumann 2005, 95).
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