Der homo sacer – menschlicher Abfall beim Aufbau von Ordnung

Bauman verortet den Beginn der Moderne in der Zeit der Aufklärung. In dieser findet für ihn ein Paradigmenwechsel in der Haltung des Menschen zur Welt statt. War die Lebenswelt des einzelnen Individuums zuvor noch durch Traditionen geprägt, die sich unter anderem in der Vorherrschaft der Kirche manifestierten und zu dem Glauben an eine statische, gottgegebene Welt führten, entsteht mit der Aufklärung und der ihr immanenten Epistemologie der Glaube an eine veränderbare Welt:

“Der moderne Verstand ist zeitgleich mit der Vorstellung, daß die Welt verändert werden kann, entstanden” (Bauman 2005, 37).

Konstitutives Merkmal der Moderne ist somit die Emanzipation von tradierten Werten und Normen, aber auch von gegebenen Herrschaftsstrukturen. Der Anspruch auf Macht legitimiert sich fortan nicht mehr durch familiäre Herkunft oder “Gottes Wille”, sondern durch die Vernunft:

“Das einzige ‚Gesetz der menschlichen Geschichte’, das man sich denken konnte, war die Notwendigkeit, daß Vernunft dort herrschen sollte, wo die menschliche Spontanität so spektakulär gescheitert war” (Bauman 2005, 45).

Die Vorherrschaft der Vernunft und ihr Einzug in das Denken des modernen Menschen zeigen sich darin, dass die Moderne zu einem Zeitalter des Aufbaus von Ordnung und somit zu einem Zeitalter des Planens wird. Bauman geht dabei soweit, die Moderne als einen “gesellschaftliche[n] Zustand des zwanghaften und süchtig machenden Planens” (Bauman 2005, 46) zu bezeichnen und attestiert, das Planen werde “zum Selbstzweck, letztlich zu einem sich selbst erhaltenden Vorgang”, wodurch es zu einem “Überschuß an Planung” (Bauman 2005, 38) komme. Ziel dieses, den Moderne konstituierenden Planungsprozesses ist “das Entwerfen neuer und verbesserter Formen menschlichen Zusammenlebens” (Bauman 2005, 46), welche nur durch eine Organisation des Lebens per Gesetz zu erreichen sind. Die Charakteristik des Gesetzes beschreibt Bauman dabei als einen “Entwurf, eine Blaupause für eine klar umschriebene, lesbar markierte, vermessene und mit Wegweisern versehene Lebenswelt” (Bauman 2005, 48).

Damit sich auch der überwiegende Teil der Bevölkerung an diese Blaupause hält, bedarf es eines Souveräns, der neben der Legitimation für das Erlassen von Gesetzen auch die Macht erhält, die Einhaltung dieser zu kontrollieren, einer Institution, welche “das grundlegende, konstitutive Vorrecht der Souveränität – ihr Recht auf Ausnahmen und die Verhängung des Ausnahmezustands” (Bauman 2005, 50) – für sich beanspruchen kann. Dieser Souverän ist in der Moderne der Nationalstaat, eine Instanz inkorporierter Ordnung, die “durchgehend das Recht beansprucht, über die Unterscheidung von Ordnung und Chaos zu bestimmen, über Gesetz und Gesetzlosigkeit, Bürger und homo sacer, Zugehörigkeit und Ausschluß, nützliches (=legitimes) Produkt oder Abfall” (Bauman 2005, 50).

Der im Zitat schon angesprochene homo sacer ist für Bauman

“die wichtigste Kategorie menschlichen ‚Abfalls’, die im Verlauf der modernen Einrichtung geordneter (sich an Gesetzten orientierender, vom Recht geleiteter) und souveräner Herrschaftsbereiche entwickelt wurde” (Bauman 2005, 49).

Mit dem Begriff homo sacer, den Bauman von Giorgio Agamben übernimmt, bezeichnet er einen Menschen, der “in seiner heutigen Gestalt weder durch eine Gesetzessammlung noch als Träger von Menschenrechten definiert ist, die gesetzlichen Bestimmungen vorausgehen” (Bauman 2005, 49). Als Beispiel für einen solchen homo sacer nennt er ethnische Minderheiten, wie z.B. die Kurden in der Türkei, die als “Volk ohne Staat” ungestraft unterdrückt werden könnten, während einem “Staat ohne Volk”, Bauman nennt Kuwait als Beispiel, jede denkbare Hilfe zuteil würde (vgl. Bauman 2005, 49 – 50).

Die Gruppe der homines sacri umfasst also Menschen, denen von keiner staatlichen Souveränität Schutz gewährt wird. Eine Eigenschaft, die sie mit den Opfern des wissenschaftlichen Fortschritts und den Flüchtlingen teilen.

  • Keine Kommentare

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

 

nach oben