Verwaltung des menschlichen Abfalls
Ein weiteres Problem, welches Zygmunt Bauman durch die anwachsende Menge an “unerwünschten Individuen” auf den Staat zukommen sieht, ist die Verwaltung eben dieser:
“Die anfallende Menge menschlichen Abfalls übersteigt die vorhandenen Verwaltungskapazitäten, und es ist gut möglich, dass die heute weltweit präsente Moderne an ihren Abfallprodukten erstickt, die sie weder reassimilieren noch vernichten kann” (Bauman 2005, 100).
Handlung des ausgewählten Filmbeispiels
Dixon ruft Navorski zu einem Gespräch in sein Büro. Er will ihm von seinem Plan berichten, wie Navorski den Flughafen bald verlassen könnte. Dazu erklärt er Navorski, dieser solle behaupten, Angst vor einer Rückkehr in sein Heimatland zu haben . Dann könne er einen Antrag auf Asyl stellen und aufgrund der vollkommenen Überlastung der Behörden den Flughafen vorerst in Richtung New York verlassen, da es mindestens ein halbes Jahr dauern werde, bis sein Asylantrag bearbeitet werde. Aufgrund des Gesetzes könnten Dixon und sein Team ihn in diesem Fall nicht länger zum Bleiben zwingen.
Für Flughafenchef Dixon stellt Navorski verwaltungsmäßig ein Problem in seinem Verantwortungsbereich dar. Er muss das Problem lösen, um die Funktionalität seines Verantwortungsbereiches zu erhalten und letztlich seine eigene Akzeptanz und damit seine Karriere zu sichern. Aus diesem Grund versucht er das Problem auf andere Behörden zu verlagern und scheut nicht davor zurück, einen Fingerzeig auf illegales Handeln zu geben, indem er Navorski schildert, dass es Gesetze zum Schutz von Ausländern gäbe, die glaubhaft Angstempfinden vor einer Rückkehr in ihre Heimat versichern könnten und dass es lediglich notwendig sei, bei ihm (Navorski) diese Angst nachzuweisen, damit ein beschleunigtes Abschiebeverfahren für ihn eingeleitet werden könne. Dixon versucht, Navorski auf diese Art und Weise an eine andere Behörde weiterzugeben, da er sich dieses “Problems” entledigen will. Da Dixon Navorskis Bedenken bezüglich dieses Plans bemerkt, versucht er mit allen Mitteln, ihn zu überzeugen und legt dar, wie weit sich die für Asylanträge zuständigen Behörden im Rückstand befinden und stellt in Aussicht, dass Navorski sich bis zur Bearbeitung seines Asylantrages folglich in New York City aufhalten könnte. Damit will Dixon ihn letztlich dazu drängen, seinem Vorschlag zu folgen. Dabei lässt er nichts unversucht, um Navorskis Bedenken zu der Konfrontation mit der Asylbehörde zu zerstreuen und weist überdeutlich auf die illegale Handlung hin: “[...] aber die meisten, ob sie´ s glauben oder nicht, kreuzen beim Amt einfach nie auf!”
In dieser Komödie, die die von Bauman angesprochene Problematik sozusagen auf Stellvertreterschauplätze transponiert, um sie in einer publikumswirksamen Weise zu inszenieren, stellt Viktor Navorski den personalisierten Flüchtlingsstrom dar, der in dieser Umgebung des Flughafens so unpassend und störend ist, dass er die dortige Administration vor schwerwiegende Probleme stellt und ihre Handlungsmöglichkeiten überfordert, weswegen diese ihn so schnell wie möglich aus ihrem Handlungsbereich eliminieren will. Kurz gesagt, für den Ausgestoßenen Navorski ist auf dem Flughafen schlichtweg kein Platz. Nicht, weil es diesen von den räumlichen Kapazitäten nicht gäbe, sondern vielmehr weil es für ihn – wie Bauman es benennt – keine “Verwaltungskapazität” gibt. Ein Ausgestoßener, der nicht “dazugehört” und unerwünscht ist, einer, der der Gruppe des “menschlichen Abfalls angehört, soll dort keinen Platz finden, denn er passt in keine Struktur und stellt lediglich einen Störfaktor im Hinblick auf den üblichen Ablauf dar. Aus diesem Grund unternimmt die zuständige Administration alles, um ihn dort nicht “heimisch” werden zu lassen. Denn trotz aller Unerwünschtheit kann sie sich dem Problem weder entziehen noch es lösen, denn ihr steht nicht die Möglichkeit zu, Navorski zu eliminieren, indem sie ihn vernichtet. Diesem endgültigen – und auch unrechtmäßigem – Schritt wird ausgewichen, sich womöglich darauf besonnen, dass es sich auch bei einem Ausgestoßenen immerhin noch um ein menschlichen Wesen handelt, wenn auch – nach Meinung der Administration – eines mit einer geringeren Wertschätzung.
Gleichwohl bleibt das Bestreben, Ausgestoßene wie Navorski zu reassimilieren, also wieder in die Gesellschaft einzugliedern, aus. Natürlich bleibt zu beachten, dass diese Filmsequenz Teil einer Komödie ist, dennoch kann die Problematik sinnbildlich übertragen werden, da sich auch in der Realität niemand für Ausgestoßene und Flüchtlinge zuständig fühlen und das Problem nur allzu gern an einen jeweils anderen Zuständigkeitsbereich weitergeben will. Dies formuliert auch Bauman in Bezug auf die Nachbarländer von Krisengebieten: “Die umgebenden Länder werden den Überschuss weder zu sich einladen, noch können sie, wie das in der Vergangenheit praktiziert wurde, dazu gezwungen werden, diese Menschen aufzunehmen und unterzubringen” (Bauman 2005, 102).
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