Heimatlosigkeit

Schon in The Terminal haben wir anhand einer Sequenz diskutiert, wie die Flüchtlinge mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit fertig werden müssen. Bauman beschreibt dieses als ein zermürbendes Gefühl:

“Selbst wenn sie sich vorübergehend an einem bestimmten Ort aufhalten, sind sie dabei auf einer Reise, die nie zu Ende gehen wird, denn ihr Zielort […] bleibt für immer unbestimmt, während ihnen der Zugang zu einem Ort, den sie ‚endgültig’ nennen könnten, für immer unerreichbar bleibt. Das zermürbende Gefühl, sich an jedem ihrer Wohnorte im Übergang, in der Unbestimmtheit und in einem Provisorium zu befinden, wird sie niemals loslassen” (Bauman 2005, 108).

Inhalt der ausgewählten Sequenz

Wir sehen Alexej und Nisha in dem geheimen Versteck, in dem Alexej mit seinen Mitarbeitern haust. Einer von Alexejs Kumpanen kommt herein und schreit aufgeregt: “Sie haben Amadu”. Bevor Alexej weitere Nachfragen stellen kann, schrillt die Alarmglocke, wodurch die Ankunft zweier Polizisten signalisiert wird. Im letzen Moment gelingt es den Insassen des Verstecks, sich zu verbergen, und zwei uniformierte Beamte betreten den Raum. Nach einem kurzen Blick in den Raum und der Feststellung “hier drin stinkt’s erbärmlich” wollen sich die beiden abwenden. Bevor sie jedoch gehen, stellt einer der beiden Beamten fest, es rieche nach russischem Essen. Der Schlepper, der das Quartier zur Verfügung stellt, kann sie jedoch davon überzeugen, der Geruch entspringe einem Lüftungsschacht aus der nahe gelegenen Kantine. Bevor die Beamten den Raum verlassen, zeigt noch eine Einstellung, wie die illegal auf dem Flughafen Lebenden in dem Lüftungsschacht eingezwängt sind und darauf hoffen, nicht entdeckt zu werden.

Eingezwängt im Lüftungsschacht

Was an dieser kurzen Sequenz deutlich wird, ist die schlechte Wohnsituation der (illegalen) Einwanderer, die die Bezeichnung “Wohnung” nicht verdient. In vielen Naheinstellungen ist neben den handelnden Charakteren auch immer eine Wand oder ein durch das Zimmer laufendes Rohr zu sehen, wodurch die Enge des Raumes visuell erfahrbar gemacht wird. Unterstrichen wird diese durch die “Inneneinrichtung” des Raumes: Eigentlich als Wartungsraum für die Lüftungsschächte gedacht, wird der größte Raum von Maschinen eingenommen. Platz für persönliche Gegenstände ist nicht vorhanden. Die Tatsache, dass nur Hängematten als Nachtlager dienen, unterstreicht den provisorischen Charakter des Zimmers: Es muss bei Alarm möglichst schnell geräumt werden können.

Alarm

Eine solche Situation tritt in der hier vorliegenden Szene auch ein. Die Alarmglocke schrillt, die Zimmerinsassen verstauen schnell ihre Hängematten und flüchten sich in einen Lüftungsschacht. Einer der Flüchtlinge ruft verärgert “nicht schon wieder” – eine solche Situation scheint also durchaus zum Alltagsleben zu gehören. Sehr früh stellt einer der hereinkommenden Beamten fest, es stinke “erbärmlich” in dem Raum, wodurch der schon visuell erfahrenen schlechten Wohnsituation eine olfaktorische Information hinzugefügt wird, die sich gut in das Bild der Lage einfügt.

Im Folgenden wird zwischen den Beamten und der Perspektive der im Lüftungsschacht eingeschlossenen Flüchtlinge hin und her geschnitten. Dabei nimmt das Gitter des Lüftungsschachts in beiden Perspektiven eine zentrale Rolle ein. Aus der Perspektive der Beamten sehen wir es vor den Flüchtlingen, aus der Perspektive dieser erleben wir das Gitter als eine Einschränkung des Sichtfeldes, wodurch der Eindruck des “Gefangen-Seins” entsteht.

Die Perspektive der Flüchtlinge

Das Zimmer der Flüchtlinge wird auf diese Weise als ein Ort inszeniert, der nicht nur ein Provisorium darstellt, sondern darüber hinaus auch einen einsperrenden Charakter hat und so die Flüchtlinge – wie schon anhand von The Terminal besprochen – von der Bevölkerung fernhält.

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