Unerwünschtheit
Wenn Ausgestoßene wie Navorski sich auch unter dem momentanen Schutz des Staates befinden, in dem sie sich aufhalten, existiert dennoch eine ständige Ablehnungshaltung ihnen gegenüber, mit der sie sich stets aufs Neue auseinandersetzen müssen. Denn viele Länder, die dazu gedrängt werden, Ausgestoßenen und Flüchtlingen Schutz zu gewähren, pochen darauf, dass dieser Zustand tatsächlich nur vorübergehend sei und dass es ihr unumstößliches Ziel bleibe, die Flüchtlinge alsbald in ihr Heimatland zurückzuschicken oder weiterziehen zu lassen. Damit dieser Umstand nicht in Vergessenheit gerät, wird fortwährend darauf geachtet, zu differenzieren:
“‚Unter Schutz zu stehen’ bedeutet nicht, ‚erwünscht zu sein’, und es wird alles Nötige […] getan, damit die Flüchtlinge diese beiden Daseinsformen nicht verwechseln” (Bauman 2005, 112).
Handlung des ausgewählten Filmbeispiels
Navorski wird beim Einsammeln aller Gepäckwagen auf dem Flughafen zwecks Kassierens des Wagenpfands gezeigt, da er Geld braucht, um sich etwas zu Essen zu kaufen. Als Dixon dies bemerkt, ist er entsetzt und konstruiert daraufhin die – eigentlich völlig unnötige – neue Stelle des Transportassistenten, dessen Aufgabe darin besteht, die Gepäckwagen auf dem Flughafenterminal einzusammeln. Dixon will somit verhindern, dass Navorski Geld für Nahrung sammelt, weil seine Gleichung lautet: “Ohne Gepäckwagen kein Geld, ohne Geld kein Essen”. Dixons Ziel ist es, Navorski dazu zu bringen, das Gesetz zu brechen, damit er ihn in einen anderen Zuständigkeitsbereich abgeben kann.
In dieser Sequenz des Films The Terminal wird die von Bauman angesprochene Differenz zwischen “unter Schutz zu stehen” und “erwünscht zu sein” auf sehr unmissverständliche Art und Weise aufgezeigt. Navorski als Staatenloser befindet sich zwar, grob gesagt, unter dem Schutz Dixons und dessen Teams sowie des Flughafenpersonals, ist folglich nicht vollkommen auf sich allein gestellt und hilflos, dennoch ist er bei ihnen alles andere als erwünscht. Dies wird ihm an verschiedenen Dingen immer wieder aufs Neue demonstriert, damit er, exakt wie Bauman es anspricht, diese beiden Daseinsformen nur nicht verwechselt (vgl. Bauman 2005, 112). Ein exemplarisches Beispiel für diese theoretische Aussage findet sich in der Situation, in der er stets die Gepäckwagen einsammelt, um daraus das Pfandgeld einzusammeln, durch welches er sich versorgen möchte.
Obwohl Navorski mit dieser Tätigkeit für niemanden einen Störfaktor darstellt, verhindert Dixon mit der Konstruktion der neuen Stelle des Transportassistenten, der ebendiese Tätigkeit übernimmt, die für Navorski wichtige Geldquelle. Gegenüber seinem Sicherheitsbeamten macht Dixon deutlich, aus welchen Gründen er die Stelle geschaffen hat: “Ohne Gepäckwagen kein Geld, ohne Geld kein Essen. Noch ein paar Tage und er türmt. Und dann kriegen wir ihn dran, wegen Verstoßes gegen §2.14. Dann hat ihn jemand anderer an der Backe”.
Des Weiteren wird im Dialog zwischen Dixon und seinen Sicherheitsbeamten dargelegt, mit welcher Willkür über Menschen, die zur Gruppe des menschlichen Abfalls gehören, konferiert wird. So fragt der Beamte, trotz des Wissens, dass Navorski das Gesetz bisher nicht gebrochen hat: “Warum kaschen wir ihn nicht gleich wegen Verstoßes gegen §2.14 und verfrachten ihn in Abschiebehaft?” Diese Aussage suggeriert erschreckender Weise, dass mit Ausgestoßenen, Flüchtlingen, Asylbewerbern und all denen, die zur Gruppe des sogenannten menschlichen Abfalls gehören, ein derart unrechtmäßiger Umgang gebräuchlich zu sein scheint. Darüber hinaus liegt die Vermutung nahe, dass den Befehlsgebern und – ausführern, hier symbolisiert durch Dixon und seinen Beamten, so etwas wie ein Gewissen abhanden gekommen zu sein scheint. Die Diskussion, die die beiden Männer führen, ließe den Rezipienten nicht vermuten, dass es sich um ein menschliches Wesen handelt, über dessen Zukunft so hartherzig verhandelt wird, wenn ihm der Name Navorski nicht bereits aus dem vorangegangenen Filmverlauf ein Begriff wäre. Die Unerwünschtheit Navorskis wird in Dixons Aussage ebenso hervorhoben wie die diskreditierende Art und Weise, in der Dixon über das Problem Navorski spricht: “Er muss das Gesetz brechen, indem er diesen Terminal verlässt. Ich werde nicht lügen. Und um einen Viktor Navorski loszuwerden schon gar nicht!” Besonders die Bemerkung Dixons, dass er nicht lügen werde, um einen Viktor Navorski loszuwerden, unterstreicht außerordentlich die abwertende Einstellung, die Dixon als ein mündiger Bürger mit Staatszugehörigkeit einem Staatenlosen und somit keinerlei Rechte Innehabenden wie Navorski entgegenbringt. Symbolisch steht diese Abwertung für das vorherrschende Gefälle zwischen dem von Bauman als “menschlichen Abfall” Titulierten und denen, die dieser Gruppe nicht zugehörig sind.
Ein weiterer Aspekt, der in dieser Sequenz angesprochen wird, ist die ironische Darstellung der Schwierigkeit, für Ausgestoßene wie Flüchtlinge und Staatenlose legale Arbeit zu finden. Navorski besitzt keinerlei Mittel, um sich auf dem Flughafen zu unterhalten. Deswegen sieht er nur den Ausweg, die Gepäckwagen einzusammeln und sich auf diese Art und Weise Mittel zu verschaffen. Von denen, unter deren Schutz er während seines Aufenthaltes scheinbar steht, wird alles ihnen nur Mögliche unternommen, um seine Vorhaben zu behindern.
Navorskis Situation beschreibt auch Bauman in “Verworfenes Leben” äußerst prägnant:
“Flüchtlinge sind menschlicher Abfall, der dort, wo er eintrifft und sich vorübergehend aufhält, keine nützliche Rolle einzunehmen und in der neuen sozialen Umgebung weder die Absicht noch realistische Aussicht auf Assimilation oder Eingliederung hat” (Bauman 2005, 110).
Dass es für Navorski letztendlich ein glückliches Ende gibt, begründet sich in der Gegebenheit, dass es sich um einen Spielfilmkomödie handelt. Normalerweise gestaltet sich die Realität anders:
“Wer einmal Flüchtling ist, bleibt es für immer. Die Rückwege ins verlorene (oder nicht mehr existierende) heimatliche Paradies sind so gut wie abgeschnitten, und alle Ausgänge aus dem Fegefeuer [...] führen in die Hölle…” (Bauman 2005, 112).
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