Machtdemonstration

Die stetig andauernde Globalisierung konfrontiert die zuständigen Administrationen mit stetig neuen Problemen. Für Zygmunt Bauman stellen Ungewissheit und die daraus resultierenden Qualen die Hauptprobleme der Globalisierung dar (vgl. Bauman 2005, 93). Da die Staatsmächte gegenüber diesen Problemen scheinbar handlungsunfähig sind, orientieren sie sich um und richten ihre gesamte Kraft auf Objekte, die sich in ihrem Wirkungsbereich befinden:

“[M]an wendet sich von Dingen ab, an denen man nichts ändern kann, und widmet sich vorzugsweise den Themen, bei denen man öffentlichkeitswirksam Handlungsfähigkeit und Macht beweisen kann. Flüchtlinge, Asylbewerber, Einwanderer – die Abfallprodukte der Globalisierung – eignen sich vorzüglich für diesen Zweck” (Bauman 2005, 94).

Handlung des ausgewählten Filmbeispiels

Die Einreisebeamten haben einen durchreisenden Osteuropäer festgenommen und holen Navorski als Übersetzer zu Hilfe, da sie die Sprache des Mannes nicht verstehen können. Navorski möchte als Gegenleistung von Dixon die Einreisegenehmigung erhalten, die ihm bis dato verweigert wurde, woraufhin Dixon ihm diese verspricht. Der osteuropäische Mann hat Medikamente dabei, für die er keine Genehmigung hat. Dixon fordert ihn zur Übergabe der Medikamente an den Beamten auf . Auch, als dieser ihn anfleht und erklärt, dass sein kranker Vater die Arzneien brauche, lässt sich Dixon nicht erweichen, zieht die Medikamente ein und lässt den Mann abführen.

Der "Kriminelle" wird abgeführt

Das Zitat Baumans fokussiert exakt die Problematik, die auch Regisseur Spielberg in dieser Sequenz thematisiert. Das Problem Navorski ist trotz aller Bemühungen für Dixon lange Zeit nicht lösbar. Umso mehr beweist er nun dort Handlungsfähigkeit und Macht, wo ihm das mit sofortiger Wirksamkeit möglich ist, wie beispielsweise im Fall des osteuropäischen Durchreisenden, der Medikamente für seinen schwer kranken Vater im Gepäck hat, für die ihm die Genehmigung fehlt. Die russische Sprache, die Navorski und den Einwanderer verbindet, soll ihren gemeinsamen Status als Ausgegrenzte und Opfer der Administration (und somit der Moderne) verdeutlichen.

Sprache als verbindendes Element

In dieser Filmsequenz wird noch einmal auf sehr drastische Weise deutlich aufgezeigt, wie an vermeintlich Schwächeren – in dieser Sequenz symbolisiert durch den Osteuropäer – Handlungsfähigkeit bewiesen wird, wenn sich größere und wichtigere Dinge – wie das Problem Navorski – als momentan unlösbar für die Administration herausstellen. “Flüchtlinge sind dagegen ein klar erkennbares und unbewegtes Ziel für die unbewältigten Qualen” (Bauman 2005, 95). Weil sie keinerlei Rechte besitzen, fremd in ihrem derzeitigen Aufenthaltsland sind und den Status des Schwächeren innehaben, scheinen sie das perfekte Ziel als Sündenbock abzugeben.

Der Sündenbock

Dieses hier zum Exempel hochstilisierte Medikamenten-Problem ist eine absolute Bagatelle, denn der Beschuldigte will nicht in die USA einreisen, sondern ist bereits auf der Rückreise in seine Heimat. So gesehen, stellt der Fall für Dixon eigentlich kein akutes Problem dar, aber um einen Erfolg demonstrieren zu können, stilisiert er es spitzfindig hoch, um hier Macht und Stärke aufzuzeigen. Denn die Administration – symbolisiert durch Dixon und seine (abwesenden) Vorgesetzten – vertritt unverkennbar den Standpunkt: “Sämtlicher Abfall ist potentiell giftig – zumindest aber, weil als Abfall definiert, gilt er als Quelle der Verunreinigung und Störung der bewährten Ordnung” (Bauman 2005, 123).

Darüber hinaus wird in dieser Sequenz aufgezeigt, wie wenig ernst Ausgestoßene genommen werden. Als Dixon Navorski um Hilfe bittet, um die Sprachbarriere zwischen dem Osteuropäer und den Sicherheitsbeamten zu überwinden, möchte dieser dafür endlich seine Einreisegenehmigung erhalten. Dixon verspricht sie ihm leichtfüßig. Durch seine Haltung und überaus schnelle Zusage diesbezüglich wird dem Zuschauer jedoch sogleich vor Augen geführt, dass er dies nur vorgibt, damit Navorski ihm seine Hilfe nicht entzieht. Diese Behandlung lässt ein weiteres Mal deutlich werden, wie mit Ausgestoßenen in fremden Ländern, in denen sie sich notgedrungen aufhalten müssen, umgegangen wird. Dabei haben diese bereits alles verloren,

“,Mittel, auf denen die soziale Existenz beruht, einen Bestand an vertrauten Dingen und Personen, mit denen sich Bedeutungen verbinden – Land, Haus, Dorf, Stadt, Eltern, Besitztümer, Arbeitsstellen und andere Orientierungspunkte im Alltag’” (Bauman 2005, 109).

Völlig mittellos bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf das Einzige zu besinnen, was ihnen noch geblieben ist, “,ihr nacktes Leben, dessen Fortsetzung von humanitärer Hilfe abhängig ist’” (Bauman 2005, 109).

Die Vogelperspektive zeigt die Unterlegenheit des Sündenbocks

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