Hindernis, Ärgernis und Isolierung
“Das Hauptkriterium der Standortwahl für auf Dauer angelegte provisorische Lager ist eine Distanz, die groß genug ist, um den giftigen Ausfluss sozialer Zersetzung von den Wohnorten der einheimischen Bevölkerung fernzuhalten. Außerhalb des Lagers sind Flüchtlinge ein Hindernis und ein Ärgernis, innerhalb dessen sind sie vergessen” (Bauman 2005, 110).
Das hier gewählte Zitat von Bauman bezieht sich ursprünglich auf die Wahl des Standortes von Flüchtlingslagern. Es ist von daher nicht so ganz passend, da die Unterbringung Navorskis weniger Aufwand erfordert, als die eines Flüchtlingsstroms. Dennoch lassen sich auch hier Gemeinsamkeiten erkennen. Ebenso wie die Flüchtlinge in Flüchtlingslagern aus dem Bewusstsein der Gesellschaft herausgehalten werden, so soll auch Navorski von der “normalen” Bevölkerung ferngehalten werden.
Handlung des ausgewählten Filmbeispiels
Dixon führt ein Telefonat. Er versucht, Navorski an einen anderen Ort abzuschieben. Das Telefonat bleibt erfolglos, Dixons Gegenüber legt einfach auf, nachdem dieser seine Bitte ausgesprochen hat. Navorski wird auf dem Überwachungsbildschirm gezeigt, den Dixon wutentbrannt ausschaltet, weil dieser nun weiterhin auf dem Flughafen verbleiben muss.
In dieser Filmsequenz wird der Aspekt dargelegt, dass niemand, also weder Dixon und sein Team noch die Bevölkerung, in enger Symbiose mit Flüchtlingen, Staatenlosen, Asylbewerbern, Ausgegrenzten leben will. Daher ist es Dixons dringlichstes Bestreben, sich des “Problems” Navorski so schnell, wie es nur möglich ist, zu entledigen, um die Probleme, die für ihn und seinen Verantwortungsbereich aus Navorski und seinem Aufenthalt erwachsen, zu beseitigen. Dixon interessiert dabei in keiner Weise, wohin er Navorski abschiebt und welche Konsequenzen für den Menschen Navorski daraus resultieren. Das Hauptaugenmerk liegt für ihn darauf, von dem “Problem” nicht weiterhin tangiert zu werden, und so greift er zu rabiaten Mitteln und fragwürdigen Begründungen für seine Vorgehensweise:
“[...] er hat keine Nationalität. Ja, er ist staatenlos. Damit ist er automatisch ein nationales Sicherheitsrisiko nach meiner Interpretation von §2.12. Also meine Bitte wäre, ihn in ein Auffanglager zu bringen und ein Asylverfahren einzuleiten. Mehr will ich nicht. [...] Dann eben in ein normales Gefängnis. Oder…oder einen anderen Flughafen! [...] Klar, hab ich es beim FBI versucht! Überall hab ich es versucht und keiner nimmt ihn!”
Dixon ist verzweifelt darüber, dass Navorski auf dem Flughafen festsitzt und kein Schlupfloch existiert, durch welches er ihn abschieben könnte, um ihn aus seinem Verantwortungsbereich zu eliminieren. Einzig sein Gegenüber, ein Sicherheitsbeamter lässt etwas Mitleid mit Navorskis Situation erkennen. Diesen Tatbestand, um den sich das Gespräch dreht und auf dem die Auseinandersetzung basiert, beschreibt auch Bauman sehr treffend:
“Indem sie dort festgehalten und alle Schlupflöcher verstopft werden, [...] wirken ‚das Mitleid einiger und der Haß anderer‘ zusammen und erzeugen den gleichen Effekt: Abstand gewinnen und Abstand halten” (Bauman 2005, 110).
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