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	<title>Wolfgang Ruge &#187; Tabuisierung</title>
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	<description>kleiner Denker mit großer Stirn</description>
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		<title>Gewalt und Mündigkeit</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Jul 2008 10:36:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wruge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medienwelt und Medienbildung]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Gewaltfilm]]></category>
		<category><![CDATA[moralische montage]]></category>
		<category><![CDATA[Mündigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[No Country for old Men]]></category>
		<category><![CDATA[Rezipient]]></category>
		<category><![CDATA[Tabuisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Blick auf die Bestseller-Listen und auf die erfolgreichen Filme der letzten Jahre lässt wenige Trends erkennen. Autoren, deren Namen nur Kenner kannten, schreiben auf einmal einen Bestseller. Wer kannte in Deutschland Anfang des Jahres den Namen Stieg Larsson? Und wer hat mit einem Oscar für „No Country for Old Men“ gerechnet. Auch wenn man [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Blick auf die Bestseller-Listen  und auf die erfolgreichen Filme der letzten Jahre lässt wenige Trends erkennen.  Autoren, deren Namen nur Kenner kannten, schreiben auf einmal einen Bestseller. Wer kannte in Deutschland Anfang des Jahres den Namen  Stieg Larsson?  Und wer hat mit einem Oscar für „No Country for Old Men“ gerechnet.</p>
<p>Auch wenn man den Blick von den Akteuren abwendet, sind kaum Trends zu erkennen.  Von Ökothrillern wie Frank Schätzings „Der Schwarm“ über Iny Lorentz historische Romane bis hinzu Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ ist fast jedes Thema in den Top 10 der Bestsellerlisten vertreten. Im Kino finden sowohl die „Keinohrhasen“ als auch „Hancock“ ihre Zuschauer.</p>
<p>Also: Wo sind die Trends, was bewegt die Gesellschaft von heute?<span id="more-39"></span></p>
<p>Ein für mich auffälliger Trend, der sich sowohl in der literarischen als auch in der kineastischen Realität abzeichnet ist eine neue Qualität in der Darstellung von Gewalt.  Der Plot von „No Country for Old Men“ ist geprägt von skrupellosen, gewalttätigen Morden. Stieg Larsson beschreibt in „Verblendung“ sehr detailiert die Vergewaltigung seiner Hauptperson sowie ihre nicht weniger brutale Rache.  Sicherlich werden sich zartbesaitetere Leser wünschen, ihre Vorstellungskraft würde nicht ausreichen, das beschriebene zu einem inneren Bild zu formen.</p>
<p>Diverse Kommentare bei Amazon und Co zu Charlottes Roches „Feuchtgbiete“ lassen auch erkennen, dass manche Leser(innen) sich gewünscht hätten, das Buch wäre nicht so detailreich. Ich habe das Buch nicht gelesen (und werde es wohl auch nicht tun), aber generell lässt eine Beschäftigung mit aktuell erfolgreichen Medien einen Trend erkennen:</p>
<p><strong>Die Skrupel tabuisierte Themen anzusprechen und plastisch zu beschreiben sind offenbar gesunken.</strong></p>
<p>Diese Skrupellosigkeit gilt nicht nur  für die klassischen „Sender-Empfänger“-Massenmedien, auch die Produser des Internets haben die Angewohnheit auf Profilseiten und in Foren Details preiszugeben, die man nicht unbedingt lesen wollte.</p>
<p>Diese Skrupellosigkeit, die insbesondere in Web auch in Schamlosigkeit abgleitet, kann nun in mehreren Blickwinkeln betrachtet werden.</p>
<ul>
<li> Sind es kalkulierte Schocker um Aufmerksamkeit zu erhalten und diese in finanzielle Gewinne zu transformieren (in diesem Zusammenhang verweise ich auf Goldhabers Konzept der Aufmerksamkeitsökonomie, u.a. nachzulesen bei <a title="Telepolis: Aufmerksamkeitsökonomie" href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/6/6195/1.html" target="_blank">Telepolis</a>)?</li>
<li>Ist gerade die Schamlosigkeit der jüngerenGeneration in sozialen Netzwerken einfach jugendkultureller Stil oder ein Fall für den Jugendschutz?</li>
<li>Und, und, und…</li>
</ul>
<p>Gerade aus bewahrpädagogischer und kulturpessimistischer Perspektive gäbe es wahrscheinlich viele Möglichkeiten die aktuelle Entwicklung zu verdammen. Wenn man aber den Blick auf das Bild vom Rezipienten richtet, das diesen Artikulationen innewohnt, so kann man diese Entwicklung durchaus begrüßen.</p>
<p>Traditionell unterlagen Medien bei tabuisierten Themen immer einer (Selbst-) Zensur. Gewisse Dinge wurden im Mainstream halt nicht beschrieben oder gezeigt. Die für den Hollywoodfilm fast obligatorische Sexszene wäre vor ein paar Jahrzenten noch undenkbar gewesen. Hinter diesem System der (Selbst-) Zensur steht ein recht negatives Bild vom Rezipienten. Der Autor oder die verantwortlichen des Films entscheiden, was der Zuschauer sehen darf. Was für den Rezipienten „zu viel“ sein könnte, wird rausgeschnitten.   Anders formuliert: Der Rezipient musste vor der suggestiven Macht der Medien geschützt werden. In der aktuellen Diskussion im „Killerspiele“, findet sich die Position oftmals wieder.</p>
<p>In den 90er-Jahren begann ein neuer Trend. Werner Faulstich spricht filmgeschichtlichen Bereich vom „neuen Gewaltfilm“.  Ob für die Literatur ähnliches festgestellt wurde, kann ich nicht sagen, da mir da ein Einblick in literaturwissenschaftliche Diskurse fehlt.</p>
<p>Die neue „skrupellose“ und „schamlose“ Darstellung von Gewalt und anderweitig tabuisierten Themen hat jedoch ein neues, m.E. „positiveres“ Bild vom Rezipienten. Es wird später geschnitten. Gewaltszenen werden länger und drastisch inszeniert. Wurde vorher vom Regisseur ein Schnitt gesetzt, um den Zuschauer zu schützen, so muss der Rezipient nun selbstständig entscheiden, wie weit er in der Lage ist, das gesehene zu ertragen. Der vom Medienproduzenten vorgegebene Schnitt wird abgelöst vom „Wegschauen“ des Rezipienten.  Die „moralische Montage“ wird an den Rezipienten ausgelagert, er muss entscheiden, was er sehen will  und so wird Kino zum semi-partizipativen Raum. Der Zuschauer muss aktiv mitdenken, um bereit zu sein, den „moralischen Schnitt“ zu vollziehen. Ein „sich-einfach-berieseln-lassen“ ist nicht mehr möglich.</p>
<p>So manch einer wird sich jetzt an Brechts Ausspruch „Glotzt nicht so romantisch“ erinnern. Mit diesem plädierte Brecht für einen V-Effekt (Verfremdungseffekt), durch den der Zuschauer aus dem „sich-einfach-berieseln-lassen“ herausgezogen und so mit aktiveren Rezipienten werden sollte. Interessant ist, dass die neue „skrupellose“ Gewaltdarstellung diesen Effekt zu erreichen scheint, in dem sie gerade nicht verfremdet. Denn ein weiterlaufen-lassen einer brutalen Szene ist sicherlich weniger verfremdend als ein (vlt. erlösender) Cut.  Die Aufgabe der Verfremdung ist eben nicht mehr Aufgabe des Medienmachern sondern des mündigen Rezipienten.</p>
<p>Die „skrupellose“ Gewaltdarstellung fordert also Mündigkeit – und diese ist doch ein erstrebenswertes Ziel.</p>
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