Wolfgang Ruge

kleiner Denker mit großer Stirn

Tut lesen doof machen tun?

19. August 2008

Spiegel Leser wissen mehr – und daher wissen sie seit der Ausgabe 33/08 (vom 11. August) , dass das Internet Doof macht und eine unerkannte Gefahr für die Gesellschaft darstellt. In einer Titelstory der jedweder Abstand zur der selbst formulierten These fehlt, weisen die Autoren Hornig, Müller und Weingarten nach, dass das Internet offensichtlich die Fähigkeit sich zu bilden einschränkt. Gestützt wird das ganze durch Fallbeispiele von Menschen, die sich aus der gefährlichen Internetsucht befreien konnten oder von solchen, die unter den Konsequenzen des Internets leiden.

Der Artikel ist schrecklich undifferenziert, eine Internetschelte ohne Gleichen. Es wird gemotzt, geklagt, verurteilt. Dass das Internet auch positive Seiten hat, geht zwischen den Zeilen verloren.  Vielmehr verkommt die Titelstory zu einer generellen Technik-Schelte. So heißt es über den Einsatz von Powerpoint im Unterricht:

„Powerpoint kann uns verblöden“, sagt Sherry Turkle, „Kinder lernen jetzt Nachdenken durch Aufzählungspunkte.“ Turkle, Professorin für Soziologie und Psychologie am Massachusetts Institute of Technology, untersuchte den Gebrauch der Software im amerikanischen Bildungssystem. Ihr Befund: Schüler gewöhnen sich daran, nicht mehr in Frage gestellt zu werden; Doppeldeutigkeit wird nicht geschätzt, forsche Präsentationen lassen Widerspruch oft gar nicht erst aufkommen. […]
(S. 91)

Soweit gibt es am Artikel erst einmal wenig auszusetzen. Hier wird das Ergebnis der Forschung einer amerikanischen Professorin wiedergeben. Ihre Erkenntnis, dass nach Powerpointpräsentationen weniger Rückfragen kommen, kann durchaus richtig sein. Jedoch ist die Schlussfolgerung, dass Powerpoint uns verblöden lassen kann, so nicht logisch. Wer hindert den Lehrer oder die Klassenkameraden am Widerspruch? Powerpoint etwa? Das Programm wirft nur Folien an die Wand, ist ein digitaler Overheadprojektor. Also: Nachfragen sind möglich. Wenn der Lehrer diese nicht stellt, ist das ein Problem des Lehrers und nicht der Präsentationen. Die Schlussfolgerung ist also diskutabel. Die Auseinandersetzung des Spiegels mit der These sieht folgendermaßen aus:

Die Frage ist, was eine Technik, deren Vorläufer, der Overheadprojektor, wenig Schaden anrichtete, mit den Köpfen der Menschen macht: Verlieren sie den Durchblick, gerade weil sie alles auf wenige „bullet Points“ reduzieren?
Den Erfolg von Powerpoint kann solche Kritik nicht aufhalten, und ebenso wenig wird die aktuelle Debatte über die digitale Gehirnverschmutzung die moderne Art der Informationsbeschaffung und –verarbeitung ändern.
(S. 91)

Das nenne ich mal eine kritische Prüfung eines Forschungsergebnisses. Das ganze widerholen und mit der Wortschöpfung digitale Gehirnverschmutzung garnieren.  Wirklich differenziert ist die Auseinandersetzung mit Powerpoint also nicht.  Eine erste Frage, die man sich hätte stellen können, ist die Frage, was Powerpoint, ein Programm, das nur für die Einbindung von Cliparts eine Internetverbindung benötigt mit der Frage „Macht das Internet doof“ zu tun hat.

Nach der Powerpoint-Schelte wird von einem armen Bibliothekar in Cambrigde berichtet, dessen heilige Bücherhallen zu Surfstationen für lesensunfähige Studenten verkommen.  Darüber hinaus berichtet der Artikel von Börsenmaklern, die nicht abschalten könne, Schülern die „Abschreiben 2.0“ praktizieren und so ihre Lehrer in den Wahnsinn treiben. Kurz um: Das Internet macht doof und süchtig. Die Konsequenz sind

Verhaltensauffällige und hochnervöse Individuen […], die immer mehr erfahren und immer weniger wissen.
(S. 80)

Diese Individuen sind unfähig Fakten kritisch zu hinterfragen. Auf Widersehen Humboldt.

Das ist eine starke These, die so in einer wissenschaftlichen Diskussion nicht haltbar wäre. Henry Jenkins z.b. (auch ein amerikanischer Professor) beschreibt in Convergence Culture z.b.  neue Möglichkeiten der vernetzten Welt. Michael Wesh hat anthropologische Forschungen bei Youtube angestellt. Und wer nicht über den Teich schauen will, kann mal bei Winfried Marotzki den „Bildungswert des Internets“ erfragen. Benjamin Jörissen untersucht für seine Habilitation Avatare in virtuellen Welten. Die Auswahl ist natürlich nicht vollständig. Es sind halt Texte mit denen ich im Studium in Kontakt gekommen bin und die mir schnell einfallen.
Allen Publikationen ist jedoch eines gemein: Sie sehen Bildungspotenziale im Internet. Das Web hat mehr zu bieten als Text, den man mit Copy und Paste einfügen kann. Das Web verändert unsere Gesellschaft ohne Frage. Aber schon der Hamburger Medienforscher Thorben Meyer sagt (sinngemäß): Die Lehrer sollen sich nicht darüber aufregen, dass ihre Schüler aus der Wikipedia abschreiben, sie sollen halt die Frage so stellen, dass man nicht einfach aus der Wikipedia abschreiben kann.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der „Participatory Divide“. Dieser besagt, dass das zentrale Problem des Digital Divides in modernen Industrienationen nicht der Zugang zum Internet ist, sondern die Kompetenz dieses zu bedienen die Gesellschaft teilt. In diesem Zusammenhang gibt es eine weitere Erkenntnis: Je höher der (Schul-)Bildungsgrad eines Menschen ist, desto höher ist die Bedeutung des Internets für ihn.

Diese Erkenntnisse sind im Internet zu finden. Teilweise auf PDF-Versionen von Powerpoint-Folien. Also auch im Internet findet sich eine kritische wissenschaftliche Diskussion. Im Spiegel-Artikel scheint diese zu fehlen. Daher die Frage. Tut lesen doof machen tun?

Edit vom 26.8.: Der Artikel ist mittlerweile auf Spiegel-Wissen online einsehbar.

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Medienwelt und Medienbildung
Tags
Bildungspotenziale, Internet, Medienkritik, Medienwirkung, Spiegel
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