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Verstehen ist Präsentation, oder: LdL als autodidaktisches Prinzip

Die Überschrift dieses Beitrags klingt auf den ersten, und wahrscheinlich auch zweiten, Blick etwas kryptisch. Daher will ich kurz anreißen, was sich hinter diesem Beitrag verbirgt: Es ist die Geschichte davon, wie sich meine Arbeitsweise im Umgang mit wissenschaftlichen Texten dadurch verändert hat, dass ich bei der grafischen Gestaltung meiner Präsentationen mittlerweile auf den Zen-Ansatz von Garr Reynolds setze (zum Ansatz vgl. Reynolds‘ Vortrag bei Authors@Google).

Wenn man als Student wissenschaftliche Texte liest, geschieht dies meist im dem – wenn auch nur implizit formulierten – Anspruch diesen zu verstehen und wenn möglich seine Inhalte auch über die kommende Seminarsitzung im Gedächtnis zu behalten. Bei weniger komplexen Texten sind dafür meistens Unterstreichungen im Text und Randnotizen ausreichend und es gibt sicherlich auch n Arbeiten, deren Aussagekraft sich auf die wenigen Sätze beschränkt, die man unterstrichen hat. Allerdings stellen diese die Ausnahme dar und ein Weiterarbeiten mit diesen Texten lohnt sich in der Regel nicht. Für komplexere Theoriegebilde reichen Unterstreichungen und Randnotizen allerdings nicht aus, einfach aus deshalb, weil viele davon im Suhrkamp-Verlag erscheinen und bei den Taschenbuchausgaben kaum mehr als ein Wort auf dem knappen Rand Platz findet (Wer mir nicht glaubt kann ja mal Versuchen einen Textabschnitt mit der Randnotiz „implizite Epistemologie“ oder „archimedischer Punkt“ zu versehen ;-)).

Die Lösung des Problems: Man schreibt Exzerpte. Es gibt viele Einführungen darüber, wie man dieses Schreiben möglichst erfolgreich gestaltet, im Prinzip laufen sie aber alle auf das gleiche hinaus: Ein Exzerpt muss auch mit einigen Jahren Abstand, in denen man sich im schlechtesten Fall nicht mit der Theorie beschäftigt hat, verständlich sein. Aus arbeitsökonomischen Gründen sollten sie auch so formuliert sein, dass sie bei Bedarf in eine Hausarbeit einfließen können – denn, sind wir mal ehrlich: Wir lesen Texte nicht nur zum Spaß, wir wollen irgendwann für die Arbeit Credits und Leistungsscheine sehen.

Nun hat man also eine schriftliche Zusammenfassung des Textes. Diese ist die Grundlage für jede Arbeit, denn wer will schon immer, wenn er mal einen Punkt der Theorie für eine Arbeit braucht, das ganze Buch nach der richtigen Stelle durchblättern. Ich nutze, um die Chance, dass sich der Text für mich leichter erinnern lässt, eine weitere Methode, die einfach aus der Struktur meines Studienganges entstanden ist: Da wir viele Präsentationen halten und diese in den meisten Seminaren obligatorisch sind, baue ich mir eine Kurzpräsentation zusammen, die die Kernthesen des Textes zusammenfasst. Ich baue mir ein Lernmedium für den Eigenbedarf – ich lernen sozusagen indem ich mich selbst lehre – womit der zweite Teil der Überschrift erklärt wäre. Das klingt jetzt nach unendlich viel Mehrarbeit, aber da ich meistens eh eine Präsentation zu dem Thema des Textes halte, müsste ich die Arbeit eh früher oder später machen.

Wenn man von der Schule kommt, zumindest war das in meinem Fall so, kennt man Präsentationen als Aneinanderreihung von Bulletpoints. Dementsprechend sahen auch die Präsentationen aus, die ich mir gedanklich gehalten habe. Eine Aneinanderreihung von Listen, die die wichtigsten Punkte der Theorie zusammenfassen. Die Grundzüge des Prinzips von „sozialen“ und „natürlichen Rahmen“ aus Goffmans Rahmen-Analyse hätte ich im BA-Studium im ersten Semester wohl so zusammengefasst:

Rahmen-Theorie im klassichen Powerpoint

Rahmen-Theorie im klassichen Powerpoint

Irgendwann ab dem zweiten oder dritten Semester wäre ich wahrscheinlich auf den Gedanken gekommen eine Tabelle zu machen. Das Ende meines BA-Studiums markierte, das war wahrscheinlich einfach Zufall, auch das Ende der Powerpoint-Angewohnheiten, die ich aus der Schulzeit mitgeschleppt hatte. Schuld war der oben schon erwähnte Garr Reynolds mit seinem Zen Ansatz und später Nancy Duarte mit ihrem Buch zur Slideology. Der Grundgedanke der beiden ist einfach: Packe weniger Text auf deine Folien. Wenn es schon viel Text sein muss, dann wenigstens ordentlich grafisch aufbereitet. Meine Darstellung zur Rahmentheorie in einer Präsentation sehe wohl folgendermaßen aus:

Rahmentheorie (neu)

Rahmentheorie (neu)

Die Frage ist nun, wie hat sich mein Arbeiten mit Texten dadurch verändert. Zum einen kann die pädagogische Psychologie darauf eine Antwort geben: Bilder lassen sich einfacher erinnern als lange Textzeilen. Die Grafik 2 habe ich wahrscheinlich länger im Kopf, als ich mir die Aufzählung in Listen hätte merken können. Zum anderen fordert diese Art, eine Theorie zu visualisieren, eine intensivere Auseinandersetzung damit, wie die Theorie gebaut ist. Wenn ich zwei Dinge einfach in einer Tabelle gegenüberstelle, frage ich mich selten nach dem Verhältnis der beiden Dinge. A ist A, B ist B, irgendwas unterscheidet die beiden. Im einfachsten Fall ist A einfach das Gegenteil von B. Komplexere Verhältnisse lassen sich mit einer Tabelle nicht ausdrücken. Also spielt man in Gedanken verschiedene grafische Möglichkeiten durch. Ich bin bei der Rahmentheorie bei Zahnrädern gelandet, und habe das Rad der natürlichen Rahmen größer gemacht, um die von Goffman angenommene Dominanz auszurücken. Vielleicht gibt es bessere Möglichkeiten. Der Vorteil dieser Lösung gegenüber einer einfachen Liste oder Tabelle ist einfach: Wenn ich nun einen versuche einen dritten technologischen oder medialen Rahmen, den Goffman nicht aufführt, in die Theorie einzubauen, muss ich überlegen, wo ich ihn in der Grafik einsetze. Bei einer Tabelle hätte ich einfach eine Spalte hinzugefügt und gut wäre es.

Ich will nicht behaupten, meine Art mit Texten umzugehen sei die einzige, die Erfolg verspricht. Andere lesen vielleicht einen Text und verstehen ihn. Ich kann nur denjenigen, die eh im Studium präsentieren raten, es mal auszuprobieren. Im schlimmsten Fall bringt es keine Vorteile, im besten Fall, erhält man ein besseres Verständnis von Theorien und Übung im Präsentationsdesign.