Wolfgang Ruge

kleiner Denker mit großer Stirn

Verstehen ist Präsentation, oder: LdL als autodidaktisches Prinzip

17. Oktober 2009

Die Überschrift dieses Beitrags klingt auf den ersten, und wahrscheinlich auch zweiten, Blick etwas kryptisch. Daher will ich kurz anreißen, was sich hinter diesem Beitrag verbirgt: Es ist die Geschichte davon, wie sich meine Arbeitsweise im Umgang mit wissenschaftlichen Texten dadurch verändert hat, dass ich bei der grafischen Gestaltung meiner Präsentationen mittlerweile auf den Zen-Ansatz von Garr Reynolds setze (zum Ansatz vgl. Reynolds‘ Vortrag bei Authors@Google).

Wenn man als Student wissenschaftliche Texte liest, geschieht dies meist im dem – wenn auch nur implizit formulierten – Anspruch diesen zu verstehen und wenn möglich seine Inhalte auch über die kommende Seminarsitzung im Gedächtnis zu behalten. Bei weniger komplexen Texten sind dafür meistens Unterstreichungen im Text und Randnotizen ausreichend und es gibt sicherlich auch n Arbeiten, deren Aussagekraft sich auf die wenigen Sätze beschränkt, die man unterstrichen hat. Allerdings stellen diese die Ausnahme dar und ein Weiterarbeiten mit diesen Texten lohnt sich in der Regel nicht. Für komplexere Theoriegebilde reichen Unterstreichungen und Randnotizen allerdings nicht aus, einfach aus deshalb, weil viele davon im Suhrkamp-Verlag erscheinen und bei den Taschenbuchausgaben kaum mehr als ein Wort auf dem knappen Rand Platz findet (Wer mir nicht glaubt kann ja mal Versuchen einen Textabschnitt mit der Randnotiz „implizite Epistemologie“ oder „archimedischer Punkt“ zu versehen ;-) ).

Die Lösung des Problems: Man schreibt Exzerpte. Es gibt viele Einführungen darüber, wie man dieses Schreiben möglichst erfolgreich gestaltet, im Prinzip laufen sie aber alle auf das gleiche hinaus: Ein Exzerpt muss auch mit einigen Jahren Abstand, in denen man sich im schlechtesten Fall nicht mit der Theorie beschäftigt hat, verständlich sein. Aus arbeitsökonomischen Gründen sollten sie auch so formuliert sein, dass sie bei Bedarf in eine Hausarbeit einfließen können – denn, sind wir mal ehrlich: Wir lesen Texte nicht nur zum Spaß, wir wollen irgendwann für die Arbeit Credits und Leistungsscheine sehen.

Nun hat man also eine schriftliche Zusammenfassung des Textes. Diese ist die Grundlage für jede Arbeit, denn wer will schon immer, wenn er mal einen Punkt der Theorie für eine Arbeit braucht, das ganze Buch nach der richtigen Stelle durchblättern. Ich nutze, um die Chance, dass sich der Text für mich leichter erinnern lässt, eine weitere Methode, die einfach aus der Struktur meines Studienganges entstanden ist: Da wir viele Präsentationen halten und diese in den meisten Seminaren obligatorisch sind, baue ich mir eine Kurzpräsentation zusammen, die die Kernthesen des Textes zusammenfasst. Ich baue mir ein Lernmedium für den Eigenbedarf – ich lernen sozusagen indem ich mich selbst lehre – womit der zweite Teil der Überschrift erklärt wäre. Das klingt jetzt nach unendlich viel Mehrarbeit, aber da ich meistens eh eine Präsentation zu dem Thema des Textes halte, müsste ich die Arbeit eh früher oder später machen.

Wenn man von der Schule kommt, zumindest war das in meinem Fall so, kennt man Präsentationen als Aneinanderreihung von Bulletpoints. Dementsprechend sahen auch die Präsentationen aus, die ich mir gedanklich gehalten habe. Eine Aneinanderreihung von Listen, die die wichtigsten Punkte der Theorie zusammenfassen. Die Grundzüge des Prinzips von „sozialen“ und „natürlichen Rahmen“ aus Goffmans Rahmen-Analyse hätte ich im BA-Studium im ersten Semester wohl so zusammengefasst:

Rahmen-Theorie im klassichen Powerpoint

Rahmen-Theorie im klassichen Powerpoint

Irgendwann ab dem zweiten oder dritten Semester wäre ich wahrscheinlich auf den Gedanken gekommen eine Tabelle zu machen. Das Ende meines BA-Studiums markierte, das war wahrscheinlich einfach Zufall, auch das Ende der Powerpoint-Angewohnheiten, die ich aus der Schulzeit mitgeschleppt hatte. Schuld war der oben schon erwähnte Garr Reynolds mit seinem Zen Ansatz und später Nancy Duarte mit ihrem Buch zur Slideology. Der Grundgedanke der beiden ist einfach: Packe weniger Text auf deine Folien. Wenn es schon viel Text sein muss, dann wenigstens ordentlich grafisch aufbereitet. Meine Darstellung zur Rahmentheorie in einer Präsentation sehe wohl folgendermaßen aus:

Rahmentheorie (neu)

Rahmentheorie (neu)

Die Frage ist nun, wie hat sich mein Arbeiten mit Texten dadurch verändert. Zum einen kann die pädagogische Psychologie darauf eine Antwort geben: Bilder lassen sich einfacher erinnern als lange Textzeilen. Die Grafik 2 habe ich wahrscheinlich länger im Kopf, als ich mir die Aufzählung in Listen hätte merken können. Zum anderen fordert diese Art, eine Theorie zu visualisieren, eine intensivere Auseinandersetzung damit, wie die Theorie gebaut ist. Wenn ich zwei Dinge einfach in einer Tabelle gegenüberstelle, frage ich mich selten nach dem Verhältnis der beiden Dinge. A ist A, B ist B, irgendwas unterscheidet die beiden. Im einfachsten Fall ist A einfach das Gegenteil von B. Komplexere Verhältnisse lassen sich mit einer Tabelle nicht ausdrücken. Also spielt man in Gedanken verschiedene grafische Möglichkeiten durch. Ich bin bei der Rahmentheorie bei Zahnrädern gelandet, und habe das Rad der natürlichen Rahmen größer gemacht, um die von Goffman angenommene Dominanz auszurücken. Vielleicht gibt es bessere Möglichkeiten. Der Vorteil dieser Lösung gegenüber einer einfachen Liste oder Tabelle ist einfach: Wenn ich nun einen versuche einen dritten technologischen oder medialen Rahmen, den Goffman nicht aufführt, in die Theorie einzubauen, muss ich überlegen, wo ich ihn in der Grafik einsetze. Bei einer Tabelle hätte ich einfach eine Spalte hinzugefügt und gut wäre es.

Ich will nicht behaupten, meine Art mit Texten umzugehen sei die einzige, die Erfolg verspricht. Andere lesen vielleicht einen Text und verstehen ihn. Ich kann nur denjenigen, die eh im Studium präsentieren raten, es mal auszuprobieren. Im schlimmsten Fall bringt es keine Vorteile, im besten Fall, erhält man ein besseres Verständnis von Theorien und Übung im Präsentationsdesign.

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Willkommen im Gestern – oder: warum das Internetmanifest nicht wirklich neu ist

9. September 2009

In der Welt des Journalismus sorgte das Intermanifest führender Netzaktivisten für große Furore. 17 Regeln darüber wie der neue Journalismus funktioniert möchten die Verfasser aufstellen. Das Wort Journalismus 2.0 fällt nicht, aber garantiert wird so mancher Delicious-Nutzer die Webseite dementsprechend verschlagwortet haben.

Das Manifest ist nicht falsch, es stellt keine Lügen ins Netz. Als ein gutes Manifest oder gar einen Aufruf zum Aufbruch, zur Veränderung, kann ich es jedoch nicht sehen. Dazu ist es zu allgemein und zu einseitig formuliert.

Punkt 1, „Das Internet ist anders“, hat ungefähr die Aussagekraft des Satzes „Der Himmel ist blau“. Falsch ist er nicht, aber die Feststellung ist medienhistorisch gesehen keine Offenbarung. Auch das neue Medium Buch war zu seiner Zeit anders und erschuf „andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken“ Die Medien mussten „ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen“. Somit galt, wie ich durch Zitate aus dem Manifest zu belegen hoffe, für das Buch damals das Gleiche wie heute für das Internet. Punkt 1 beschreibt also nur eine medienhistorische Konstante Aber nun gut, Punkt 1 ist eine generelle Feststellung quasi eine Präambel. Gleiches gilt für die folgenden Punkte. Auch das Buch wurde zum Wissensspeicher, wenn auch nicht für die Jackentasche so zumindest doch für das Regal. Und die Gesellschaft der Buchleser war eine andere als die der Nichtleser und hat das Wesen des Buches wieder geprägt.

Die nachfolgenden Punkte sind jedoch sehr einseitig. Ich werde nur einige herausgreifen:

„Die Freiheit des Internets ist unantastbar“ – oh wunderbar, dann muss ich mir um Netzsperren keine Sorgen machen, das Netz wird sie schon irgendwie umgehen. Die Aussage ist einfach falsch. Bestenfalls könnte man als lohnenswertes Ziel formulieren, das Internet solle unantastbar sein. Das erinnert wiederum an Barlows Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace. Das war 1996 – willkommen im 2. Jahrtausend.

„Das Internet ist der Sieg der Information“ – das hat schon Berthold Brecht sinngemäß über das Radio gesagt, und damit teilweise recht gehabt. Ein wunderbares Beispiel sind die Verkehrsmeldungen, die längst von autofahrenden Radiohörern mit Inhalt gefüttert werden.

„Das Internet verändert verbessert den Journalismus“ – Schön. Bild.de ist also per se besser als die Bild-Zeitung. Sicher es gibt einen neuen Journalismus, nur worin besteht dieser? (Siehe dazu auch den Taz-Artikel von Julia Seeliger) Ich kann ja auch mal eine Hausarbeit abgeben, und sagen sie sei besser als die vorherige, weil ich mehr aus dem Internet zitiert hätte, mal sehen ob meine Dozenten mir das glauben würden.

Ich könnte weiterhin jeden Punkt einzeln kritisieren. Ich lasse es jedoch, um den Leser dieses Beitrages zu schonen. Was herauskommen würde kann ich nämlich wesentlich kürzer formulieren:

Das Manifest vereint, verschiedenste – sich widersprechendende – Ideologien. Der Glaube an die Freiheit des Internets ist typisch für den von Barlow ausgerufenen Cyberspace. Der Glaube an den Sieg der Qualität und die Regelung von Einnahmen allein durch den Markt ist typisch für den der kalifornischen Ideologie immanenten Neoliberalismus. Damit findet sich auch der Gegenspieler des Cyberspace in den 1990er Jahren im Manifest wieder. Und Punkt 17 „Alle für Alle“ fasst im Prinzip die Schwarmintelligenz zusammen und hebt die Aktivität der Nutzer hervor und nimmt somit die Positionen des Web 2.0 und der Folksonomy ein.

So liest sich das Manifest wie: Alles ist schön im Internet, Alles ist gut im Internet, Alles wird besser durch das Internet. Ein Messias-Glaube an ein neues Medium, der bei jeder technologischen Entwicklung auftaucht, genau wie der Glaube an einen mit der neuen Technik verbundenen Untergang des Abendlandes (Für das Internet z.B. vertreten durch Frank Schirmacher, der meint nur die Druckerpressen könnten das Abendland retten).

Die Wahrheit, das zeigt die Mediengeschichte, liegt irgendwo dazwischen: Kein Medium ist vollkommen gut oder vollkommen schlecht. Daran ändert auch kein Manifest etwas. Für die Formulierung von Messias- und Teufels-Deklarationen über das Internet ist der neue Medium allerdings schon etwas zu alt.

Also liebe Autoren, schaut euch das Internet mal genauer an, ihr werdet auch negative Seiten entdecken. Und werft einen Blick in die Mediengeschichte – dazu müsstet ihr allerdings vielleicht mal ein Buch lesen…

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Video-Tipp

2. Dezember 2008

Für einen eigenen Blog-Beitrag fehlt mir aktuell die Zeit. Das hindert mich aber nicht daran, auf meinen persönlichen Favoriten bei der diesjährigen Videoexpostion an der Otto-von-Guericke-Universtität (Magdeburg) aufmerksam zu machen.

Der Film trägt den Titel “N/A” und bietet wahrscheinlich tausend Interpretionsmöglichkeiten. Bei der Videoexpo wurde der Film mit dem silbernen Kängeruh (zweiter Platz) prämiert. Was bleibt mir sonst zum Film zu sagen. Achja – Ich weiß, was das Schaf bedeutet ;-) .


Auf Youtbe

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Befreit den Zuschauer – nicht Rainer

26. August 2008

Gestern im DVD-Player: Free Rainer. Eine Mediensatire mit Moritz Bleibtreu, knapp 1 Jahr alt. Der Inhalt ist folgender: Rainer, führender angestellter beim Sender TTS und dort verantwortlich für diverse Showformate, hat einen Unfall, erkennt in einer Vision, dass er die Leute verblödetet und beginnt einen Kampf gegen die Quote. Er eignet sich widerrechtlich die Boxen der IMA an und manipuliert die Quotenmessung so, dass ab sofort intelligente Sendungen gute Quote haben. Er hat Erfolg. Die Sender ändern ihr Programm, Proust statt Pornographie. Irgendwann fliegt der Betrug auf, Rainer kann sein Team und seine Ausrüstung in Sicherheit bringen, alles scheint verloren, doch die Zuschauer gucken weiter intelligente Sendungen.

Ist das nicht schön, eine tolle Mediensatire. NEIN.

Es gibt viele Gründe dafür, dass ich den Film in diesem Beitrag zerreißen werde. Über unglaubwürdige Charakterentwicklungen des Hauptdarstellers werde ich mich nicht aufregen. Ebenso wenig über die Logik des Films. Die Zuschauer im Film schaffen es tatsächlich gleichzeitig intelligente Sendungen zu gucken und TV-Abstinent zu sein. Das nenne ich wahres Multitasking.  Die Kritik von critic.de, der Film sei eindimensional, trifft es schon ganz gut. Ich möchte mir zwei Punkte herausgreifen: Die Rolle des Zuschauers im Film und das propagierte Bildungsideal.

Der Rezipient in Free Rainer…

… kommt nicht gut weg. Grund dafür ist, dass er in ein einfaches Medienwirkungsschema gepresst wird. Der Fernseher zeigt dumme Sendungen – Der Zuschauer verblödet, hält alles für Realität und möchte Günther Jauch zum Kanzler machen, weil er immer so gut weiß. Der Fernseher zeigt intelligente Sendungen und schon fangen die Menschen an zu lesen, gelbe Reclam-Heftchen und nicht irgendeinen Schund. Eine Renaissance  der Dichter und Denker. Und während einige Sender in Free-Rainer eine Fassbinder-Nacht nach der anderen senden und die klassische Literatur propagieren, freuen sich auf anderen Kanäle die Wissenschaftler darüber, dass die Medien endlich wieder ihre Rolle als „(Ver-)Mittler der Welt“ einnehmen. Intelligentes Fernsehen macht intelligent.

Free Rainer möchte eine Mediensatire sein, die für ein gutes Programm im Fernsehen eintritt. Gegen schlechte Show- und Serienformate, die den Zuschauer nicht ernst nehmen, ihn verblöden. Dennoch wird der Rezipient in Free Rainer nicht ernst genommen, vielmehr wird er auf einen fernsehguckenden Pavlovschen Hund reduziert. Dummer Input => Dummer Output. Intelligenter Input => Intelligenter Output.
Es ist dem Film nicht möglich ein differenziertes Bild aufzubauen. z.B. den gebildeten Zuschauer, der dumme Sendungen nur guckt, weil er Zerstreuung braucht. Man braucht nur mal in die aktuelle Medienforschung zu gucken, der Fernseher ist ein „Nebenbei-Medium“, kaum jemand widmet ihm die volle Aufmerksamkeit. Ich gucke mir ab und zu auch gerne mal niveaulose Sitcoms an, intelligenter werde ich dadurch nicht, aber wenigstens kann ich dabei bügeln.

Wenn man sich bei Free Rainer ein wenig Gedanken über verschiedene Nutzungstypen gemacht hätte, wäre es nicht zu der eindimensionalen These gekommen, dass Fernsehen pauschal verblödet. Aber  wenigstens in solchen Pauschalisierungen sind wir Deutschen richtig gut.

Das Bildungsideal in Free Rainer

Ein weiterer Kritikpunkt am Film ist für mich das Bildungsideal, das im Film propagiert wird. Fassbinder-Filme sind intelligent, gute Bücher kommen nur von Goethe und Schiller, bitte nur ernsthafte Dokus und kein Edutaiment, überhaupt bitte möglichst wenig bewegtes Bild. Gute Bildung gibt’s nur, wenn der Fernseher zwei intelligente Menschen zeigt, die sich unterhalten – eine These die schon Neil Postman vertreten hat, und welche in der Medienpädagogik als grundfalsch zurückgewiesen wird.

Ich will hier nicht undifferenziert gegen das klassische deutsche Bildungsideal wettern. Die Werke Goethes und Schiller enthalten durchaus Bildungspotenziale. Aber nicht jeder, der Faust liest, entwickelt daraus ein differenziertes Bildungsverständnis. Fassbinderfilme haben ihre Qualitäten, aber auch aktuelle Filme haben durchaus Bildungspotenziale. Bildung wird in Free Rainer reduziert auf einen Kanon, einen klassischen Kanon, bitte nichts jünger als 20 Jahre.

Bildung ist ein Prozess, der das Individuum zur Mündigkeit befähigen und ihm zu einem differenzierten Welt- und Selbstverhältnis verhelfen soll. Es gibt sicherlich Werke der Literatur und des Films, die universelle menschliche Probleme, die einen uns vorstellbaren Zeitraum überdauern, thematisieren und die heute so bildungsanregend sind wie vor 20, 50 oder gar 100 Jahren. Aber es gibt auch menschliche Probleme, die an eine bestimmte Zeit gebunden sind. Goethe kann die Chancen und Risiken, die das Internet bietet nicht reflektieren. Er konnte sich keine Gedanken über das Verhältnis vom Avatar und dem dahinterstehenden Menschen machen, einfach weil es zu seinen Lebzeiten kein Second Life gab.

Aber solch ein differenziertes Verständnis von Bildung findet sich in Free Rainer nicht. Aber wenn sollte Raine auch so differenziert bilden wollen? Den Rezipienten seiner Sendungen, den pavlovschen Hund, das Schaaf, das nur der Masse folgt?

Wer den Mensch nur als willenloses Individuum betrachtet, welches nur der Masse folgt, welches man wie Ton formen kann, der wird die Logik von Bildung nie verstehen.

Denn bilden ist immer ein sich bilden.

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Bildung in Metern? – oder: Die Blogosphere stöckelt.

23. August 2008

In der deutschen Blogosphere scheint gerade ein neuer Trend zu entstehen. Die Blogger werfen sich gegenseitig Stöckchen zu und nehmen diese auf. Als Stöckchen wird dabei ein Fragenkatalog bezeichnet. Dieser variiert sowohl im Umfang der Fragen als auch in der Länge der zu erwartenden Antworten. Es gibt Stöckchen, die „nur“ Top 4 – Listen erwarten (u.a. gefunden bei Frank Bültge), Stöckchen, die sich mit dem (Schul-) Bildungsweg des Autors auseinandersetzen (u.a. bei Robert Basic {}), Stöckchen, die sich mit dem Bloggen an sich befassen und vieles mehr. Es gibt nun mehrere Arten, dieses neue Phänomen zu betrachten.

1.) Stöckchen als Ausdruck von Gruppendynamik

Eine Möglichkeit, die Stöckchen zu erklären, sind gruppendynamische Prozesse. Aus dem Kindergarten und aus den frühen Schuljahren kennt wohl jeder das typische Kennenlernspiel: Man setzt sich in einen Kreis und wirft sich einen Ball zu. Derjenige, der den Ball bekommt, muss eine vorher gestellte Frage beantworten.

Die Stöckchen sind erst einmal nur die digitale Version dieses Spiels. Die Blogosphere holt das vergessene einander vorstellen nach. Der Ball aus der „Offline-Version“ der Stöckchen, wird dabei durch Track- oder Pingbacks ersetzt. Viele Stöckchen enthalten einen „Blogger, an die ich das Stöckchen weiterreiche“ – Teil. Wenn man diese verlinkt, senden die modernen Blogsysteme automatisch eine Benachrichtigung an den entsprechenden Blogger. Das hat gegenüber dem Ball einen entschiedenen Vorteil: Man kann das Stöckchen an mehrere Personen senden.

2.) Stöckchen als selbstreflexive Artikulation

Neben dem kennenlernen hat das Stöckchen werfen und aufnehmen noch eine weitere Funktion. Sie sind die genormte Version dessen, was Benjamin Jörissen als Selbstreflexivitätspotenzial beschreibt:

Doch geht es in der Blogosphere doch sehr häufig – neben der Präsentation von Neuigkeiten und der Weitergabe zumeist detaillierterer Informationen – um artikulierte und einigermaßen elaborierte Äußerungen. Sie gehen mit einem gewissen Zwang einher, die Blogbeiträge „repräsentativ“ in Bezug auf die eigene Persönlichkeit (bzw. das, was man jeweils davon präsentieren möchte), zu gestalten – letztlich ist es eine Form der Selbstbeobachtung aus der Perspektive eines unsichtbaren Publikums, welche die Blogbeiträge zu performativen Selbstinszenierungen werden lässt (und ich glaube, das trifft für die meisten von Personen geführten Blogs, auch die professionellen, zu). Kurz: Weblogs sind in aller Regel reflexive Artikulationen. Reflexive Äußerungen nehmen zu einem Thema oder einem Sachverhalt Stellung, und sie verhalten sich in dieser Stellungnahme immer, wenn auch zumeist implizit, zu sich selbst. Sie werden dann auch als reflexive Äußerungen aufgefasst, was die ausgedehnte Kommentierungskultur in der Blogosphere erklärt.

Wie in dem Zitat schon deutlich wird, trifft dieses Selbstreflexivitätspotenzial auch auf „normale“ Blogbeiträge zu. Jedoch ist es m.E. bei fachbezogenen Beiträgen leichter, die Selbstinszenierung zurückzustellen. So wirkt z.B. das Weblog von Vladimir Simovic, auf mich weniger als eine Selbstinszenierung oder –reflexion, sondern vielmehr wie eine Reflexion über die Entwicklung des Blogsystems Wordpress und die Konsequenzen dieser Entwicklung für die Wordpress-Nutzer. So möchte ich festhalten: Bloggen an sich, enthält Selbstreflexivitätspotenziale, kann aber auch rein fachlich genutzt werden.

Die Stöckchen führen durch die Normierung des folgenden Beitrags dazu, dass der Blogautor sich oftmals zu persönlichen Dingen äußern muss. Ob nun in Top 4 – Listen oder epischen, wenn nicht gar epochalen, Antworten – der mit Stöckchen beworfene Blogger muss selbstreflexive Prozesse in Gang setzen und diese Artikulieren. Ich möchte sagen, das Selbstreflexivitätspotenzial wurde und wird durch die Blogosphere normiert und überführt so das Selbstreflexivitätspotenzial in einen Selbstreflexivitätszwang. Denn ein Stöckchen zu ignorieren, gehört wohl kaum zum guten Ton (Kleine Anmerkung am Rande: Hat eigentlich schon mal jemand so etwas wie eine Blogiquette formuliert?).

So werden sich die Blogger weiter mit Stöckchen beschmeißen und sich so zur Selbstreflexion zwingen. So kann man vielleicht bald Bildung in Metern messen – oder in Hämatomen.

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Tut lesen doof machen tun?

19. August 2008

Spiegel Leser wissen mehr – und daher wissen sie seit der Ausgabe 33/08 (vom 11. August) , dass das Internet Doof macht und eine unerkannte Gefahr für die Gesellschaft darstellt. In einer Titelstory der jedweder Abstand zur der selbst formulierten These fehlt, weisen die Autoren Hornig, Müller und Weingarten nach, dass das Internet offensichtlich die Fähigkeit sich zu bilden einschränkt. Gestützt wird das ganze durch Fallbeispiele von Menschen, die sich aus der gefährlichen Internetsucht befreien konnten oder von solchen, die unter den Konsequenzen des Internets leiden.

Der Artikel ist schrecklich undifferenziert, eine Internetschelte ohne Gleichen. Es wird gemotzt, geklagt, verurteilt. Dass das Internet auch positive Seiten hat, geht zwischen den Zeilen verloren.  Vielmehr verkommt die Titelstory zu einer generellen Technik-Schelte. So heißt es über den Einsatz von Powerpoint im Unterricht:

„Powerpoint kann uns verblöden“, sagt Sherry Turkle, „Kinder lernen jetzt Nachdenken durch Aufzählungspunkte.“ Turkle, Professorin für Soziologie und Psychologie am Massachusetts Institute of Technology, untersuchte den Gebrauch der Software im amerikanischen Bildungssystem. Ihr Befund: Schüler gewöhnen sich daran, nicht mehr in Frage gestellt zu werden; Doppeldeutigkeit wird nicht geschätzt, forsche Präsentationen lassen Widerspruch oft gar nicht erst aufkommen. […]
(S. 91)

Soweit gibt es am Artikel erst einmal wenig auszusetzen. Hier wird das Ergebnis der Forschung einer amerikanischen Professorin wiedergeben. Ihre Erkenntnis, dass nach Powerpointpräsentationen weniger Rückfragen kommen, kann durchaus richtig sein. Jedoch ist die Schlussfolgerung, dass Powerpoint uns verblöden lassen kann, so nicht logisch. Wer hindert den Lehrer oder die Klassenkameraden am Widerspruch? Powerpoint etwa? Das Programm wirft nur Folien an die Wand, ist ein digitaler Overheadprojektor. Also: Nachfragen sind möglich. Wenn der Lehrer diese nicht stellt, ist das ein Problem des Lehrers und nicht der Präsentationen. Die Schlussfolgerung ist also diskutabel. Die Auseinandersetzung des Spiegels mit der These sieht folgendermaßen aus:

Die Frage ist, was eine Technik, deren Vorläufer, der Overheadprojektor, wenig Schaden anrichtete, mit den Köpfen der Menschen macht: Verlieren sie den Durchblick, gerade weil sie alles auf wenige „bullet Points“ reduzieren?
Den Erfolg von Powerpoint kann solche Kritik nicht aufhalten, und ebenso wenig wird die aktuelle Debatte über die digitale Gehirnverschmutzung die moderne Art der Informationsbeschaffung und –verarbeitung ändern.
(S. 91)

Das nenne ich mal eine kritische Prüfung eines Forschungsergebnisses. Das ganze widerholen und mit der Wortschöpfung digitale Gehirnverschmutzung garnieren.  Wirklich differenziert ist die Auseinandersetzung mit Powerpoint also nicht.  Eine erste Frage, die man sich hätte stellen können, ist die Frage, was Powerpoint, ein Programm, das nur für die Einbindung von Cliparts eine Internetverbindung benötigt mit der Frage „Macht das Internet doof“ zu tun hat.

Nach der Powerpoint-Schelte wird von einem armen Bibliothekar in Cambrigde berichtet, dessen heilige Bücherhallen zu Surfstationen für lesensunfähige Studenten verkommen.  Darüber hinaus berichtet der Artikel von Börsenmaklern, die nicht abschalten könne, Schülern die „Abschreiben 2.0“ praktizieren und so ihre Lehrer in den Wahnsinn treiben. Kurz um: Das Internet macht doof und süchtig. Die Konsequenz sind

Verhaltensauffällige und hochnervöse Individuen […], die immer mehr erfahren und immer weniger wissen.
(S. 80)

Diese Individuen sind unfähig Fakten kritisch zu hinterfragen. Auf Widersehen Humboldt.

Das ist eine starke These, die so in einer wissenschaftlichen Diskussion nicht haltbar wäre. Henry Jenkins z.b. (auch ein amerikanischer Professor) beschreibt in Convergence Culture z.b.  neue Möglichkeiten der vernetzten Welt. Michael Wesh hat anthropologische Forschungen bei Youtube angestellt. Und wer nicht über den Teich schauen will, kann mal bei Winfried Marotzki den „Bildungswert des Internets“ erfragen. Benjamin Jörissen untersucht für seine Habilitation Avatare in virtuellen Welten. Die Auswahl ist natürlich nicht vollständig. Es sind halt Texte mit denen ich im Studium in Kontakt gekommen bin und die mir schnell einfallen.
Allen Publikationen ist jedoch eines gemein: Sie sehen Bildungspotenziale im Internet. Das Web hat mehr zu bieten als Text, den man mit Copy und Paste einfügen kann. Das Web verändert unsere Gesellschaft ohne Frage. Aber schon der Hamburger Medienforscher Thorben Meyer sagt (sinngemäß): Die Lehrer sollen sich nicht darüber aufregen, dass ihre Schüler aus der Wikipedia abschreiben, sie sollen halt die Frage so stellen, dass man nicht einfach aus der Wikipedia abschreiben kann.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der „Participatory Divide“. Dieser besagt, dass das zentrale Problem des Digital Divides in modernen Industrienationen nicht der Zugang zum Internet ist, sondern die Kompetenz dieses zu bedienen die Gesellschaft teilt. In diesem Zusammenhang gibt es eine weitere Erkenntnis: Je höher der (Schul-)Bildungsgrad eines Menschen ist, desto höher ist die Bedeutung des Internets für ihn.

Diese Erkenntnisse sind im Internet zu finden. Teilweise auf PDF-Versionen von Powerpoint-Folien. Also auch im Internet findet sich eine kritische wissenschaftliche Diskussion. Im Spiegel-Artikel scheint diese zu fehlen. Daher die Frage. Tut lesen doof machen tun?

Edit vom 26.8.: Der Artikel ist mittlerweile auf Spiegel-Wissen online einsehbar.

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Gewalt und Mündigkeit

14. Juli 2008

Ein Blick auf die Bestseller-Listen und auf die erfolgreichen Filme der letzten Jahre lässt wenige Trends erkennen. Autoren, deren Namen nur Kenner kannten, schreiben auf einmal einen Bestseller. Wer kannte in Deutschland Anfang des Jahres den Namen Stieg Larsson? Und wer hat mit einem Oscar für „No Country for Old Men“ gerechnet.

Auch wenn man den Blick von den Akteuren abwendet, sind kaum Trends zu erkennen. Von Ökothrillern wie Frank Schätzings „Der Schwarm“ über Iny Lorentz historische Romane bis hinzu Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ ist fast jedes Thema in den Top 10 der Bestsellerlisten vertreten. Im Kino finden sowohl die „Keinohrhasen“ als auch „Hancock“ ihre Zuschauer.

Also: Wo sind die Trends, was bewegt die Gesellschaft von heute? Lesen »

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Brot und Spiele

20. Mai 2008

Wie heise-online vorgestern und der Spiegel gestern in der Printausgabe berichten, stoppt das Innenministerium die Bundeszentrale für politische Bildung dazu angehalten, dass Buch „Computerspiele(r) verstehen“ nicht mehr zu versenden. Daraufhin stoppte die BpB die Auslieferung.

Da Christopher wieder einmal schneller war als ich, und vollkommen richtig kritisiert hat, dass der Heise-Artikel nicht klar zwischen der Diskussion im Vorfeld und dem Plagiatsvorwurf trennt, verbleiben mir wieder einmal nur ergänzenden Anmerkungen.

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Film oder nicht Film…

5. Mai 2008

Ein Gericht in Schweden hat entschieden, dass Werbeunterbrechungen von Spielfilmen im TV das Urheberrecht des Künstlers verletzen. Nun muss der Regisseur die Unterbrechung explizit genehmigen (u.a. nachzulesen bei ver.di).

Auf den ersten Blick ein schönes und für Deutschland zu wünschendes Urteil. Jedoch wirft es weitere Fragen auf. Die nach der Finanzierung von guten Filmen im TV unter anderem. Oder die Frage, wie es um den Jugendschutz steht. Wenn schon die Unterbrechung eines Films das Urheberrecht verletzt, wie ist es erst, wenn Szenen rausgeschnitten werden. Und was passiert, wenn ein Regisseur mit der Synchronisation seiner Schauspieler nicht einverstanden ist. Fragen über Fragen. Hinter all ihnen steht eine zentrale Frage: Was ist das urheberechtlich schützbare eines Films? Und wem stehen diese Rechte zu?

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Web 2.0 – Servicepack 1

30. April 2008

Mittlerweile ist es doch einige Jahre her, dass Tim O’Reily den Begriff „Web 2.0“ geprägt hat. Trotzdem ist immer noch das halbe Web eine Betaversion. So viele Vorteile das Web 2.0 auch bieten mag: Es wirkt immer noch irgendwie unfertig, teilweise merkt man das auch an den Layouts großer Seiten, die teilweise so wirken, als ob der Webdesigner sich und seiner Seite den letzten Feinschliff erspart hat. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten.

Unabhängig von diversen Webdesignsünden wird es aber Zeit für ein Update des Web 2.0. Folgendes sind meine Wünsche für das Servicepack 1:

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