Die nächste Mediosphäre
19. Mai 2010Vorgestern twitterte ich die kurze These in die Welt hinaus, das konstitutive Merkmal der aktuellen/nächsten Mediosphäre sei nicht das Internet, sondern vielmehr die Idee der Digitalisierung. Nun wird es Zeit das ganze mal etwas länger als 140 Zeichen auszuführen.
Auch wenn mir etwas mehr Zeichen zur Verfügung stehen, handelt es sich bei diesem Beitrag mehr um lose Gedankenfetzen als um einen konsistenten Theorieentwurf. Hier steht ein Gedankenansatz, der funktionieren könnte, oder auch nicht.
Zur Mediologie
Der Begriff der Mediosphäre entstammt einer kulturwissenschaftlichen Perspektive der Medienforschung, die sich insbesondere in Frankreich hoher Popularität erfreut: Der Mediologie. Der Grundgedanke des Ansatzes besteht darin, dass
“bescheidene technische Modifikationen zu mehr oder weniger auf- und abwertenden -ismen werden” und somit ein “technisch-soziales Übertragungs- und Beförderungsmilieu mit einer eigenen Raum-Zeit” konstituieren (Debray 2003, 44).
Technologische und somit auch mediale Entwicklungen tragen auf diese Weise zu einem a priori im Sinne Foucaults bei, welches die Grenzen dessen, was wir denken können, definieren und somit das Epistem ihrer Zeit definieren. Christina Schwalbe und Torsten Meyer sprechen in diesem Zusammenhang von einem blindem Fleck: “Blinder Fleck bedeutet: man sieht nicht, dass man dort nicht sehen kann.” (Schwalbe/ Meyer 2010, 32). Das Internet kann hier als gutes Beispiel dienen: Ein Mensch, der vor über 100 Jahren lebte, konnte sich nicht als ein über Facebook, StudiVZ, etc. vernetzter Mensch denken, er wusste auch nicht, dass er sich nicht als solcher Denken konnte.
So entsteht durch die vorherrschenden Medien(-technologien) eine so genannte eine Mediosphäre. Diese bezeichnet:
“eine bestimmte Art regulierender Überzeugungen […], eine besondere Zeitlichkeit (oder eine typische Beziehung zur astronomischen Zeit) und eine bestimmte Art, wie Gemeinschaften eine Einheit, einen Körper bilden (mehr als nur einen Rahmen für ihren territorialen Zusammenschluss). Ihre Vereinigung charakterisiert die kollektive Persönlichkeit oder Stileinheit einer Epoche – oder das, was ihren Instrumenten, Formen und Ideen gemeinsam ist” (Debray 2003, 44).
Diese lassen sich – so die Meinung der Mediologen – erst im Nachhinein erkennen und beschreiben, sodass ich mir auch nicht ganz sicher bin, ob die Mediosphäre, welche im Folgenden kursorisch beschreiben möchte, schon begonnen hat oder erst im Beginnen begriffen ist.
Die Digitale Mediosphäre
In seiner Einführung in die Mediologie beschreibt Regis Debray drei vergangene Mediosphären. Die durch die Schrift geprägte Logosphäre. Die durch den Buchdruck ausgelöste Grafosphäre und darauf folgende Videosphäre. Ich werde diese Sphären im Folgenden nicht mehr genauer ausführen und mich auf die nächste Sphäre beziehen.
Oftmals wird vermutet, die neue Mediosphäre sei eine Hypersphäre, einer durch Vernetzung – namentlich: das Internet – gekennzeichnete. Ich will nicht abstreiten, dass das Internet eine wichtige Rolle in der kommenden Sphäre spielen wird, sehe in ihm aber nicht das konstitutive Merkmal. Nicht das Internet, vielmehr die Digitalisierung ist für die Umwälzung des Denkens verantwortlich, die sich gerade abspielt.
Was aber verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff der Digitalisierung? Ich arbeite mit der Definition von Lev Manovich, der 5 Eigenschaften digitaler Medien nennt:
- Numerische Repräsentation
ein Medienobjekt lässt sich formal-numerisch beschreiben (in der Regel von 0 und 1, wobei das Prinzip der numerischen Repräsentationen auch bei höheren Zahlensystemen nicht angegriffen werden würde). - Modularität
eine Anwendung besteht aus einzelnen Modulen. - Automatisierung
Abläufe lassen sich durch Algorithmen beschreiben. - Variabilität
Digitale Medien sind prinzipiell veränderbar und können in verschiedenen Versionen existieren. - Codeumsetzung (Transcoding)
Beschreibt Umsetzung von Dateien in unterschiedliche Formate.
Digitalisierung heißt also (etwas verkürzt): Eine jede Information, und somit auch der “Content” eines Mediums, lassen sich numerischen beschreiben und relativ unabhängig vom materiellen Träger kopieren, konvertieren, verändern, etc. Medientheoretisch stellt dies eine Revolution dar, noch nie war der Inhalt eines Medium so unabhängig von seinem materiellen Träger. Ob Text, Audio oder Video: Alles passt auf USB-Sticks, Festplatten, CD-ROMs.
Aber Warum liegt gerade hierin die konstitutive Kraft, der neuen Mediosphäre? Warum hier und nicht im Internet? Die Antwort ist relativ einfach: Der enorme Erfolg des Internets wäre ohne die Digitalisierung nicht möglich geworden. Die Basis des WWW ist weitestgehend das TCP/IP-Protokoll. IP bedeutet: Mein Rechner ist durch eine Zahl adressierbar. Andersformuliert: Die Vernetzung von Rechnern bedeutet, dass wir sie zuerst numerisch beschreiben müssen. Youtube, Flickr etc. bauen alle darauf auf, dass die zugrundeliegenden Daten digital vorliegen. Ein Analoges Flickr wäre denkbar, aber ein Rundbrief via klassischer Post, in dem ich an alle Gruppenmitglieder Fotos zu einem spezifischen Thema zukommen lasse, würde kaum viele Anhänger finden. Das so viele Menschen bei Flickr Bilder hochladen liegt auch daran das es einfach ist: Warum ist es einfach? Weil viele Prozesse automatisiert sind, weil alle Bildformate in ein einheitliches Format transcodiert werden, …
Doch der Einfluss der Digitalisierung geht über das Internet hinaus. Medien erscheinen nun als Komposition als Module. Ein Film lässt sich zerlegen in Audio- und Videospur. Die Videospur nochmals in Einzelbilder. Diese in einzelne Pixel. Kurzum: Das Medium erscheint als Komposition. Aus Identität wird eine Zusammensetzung heterogener Elemente.
Auf den ersten Blick klingt dies banal. Beim zweiten Hinsehen wird aber deutlich, dass sich dahinter ein neues Denkparadigma verbirgt, formuliert wurde dies von Bruno Latour, welcher das kompositionistische Manifest schrieb. Darin ruft er den Kompositionismus zum neuen Denkmodell aus:
“Obwohl das Wort “Komposition” ein bisschen lang und aufgeblasen ist, ist schön daran, dass es betont, dass Dinge zusammengesetzt wurden (lat. componere), während sie ihre Heterogenität beibehalten.
[…] Kompositionismus stellt sich der Aufgabe, Universalität zu suchen, ohne zu glauben, dass Universalität schon da sei und darauf warte, enthüllt und entdeckt zu werden. Es ist somit soweit vom Relativismus (im banalen Sinn) entfernt wie vom Universalismus […] Vom Universalismus nimmt sie die Aufgabe an, eine gemeinsame Welt aufzubauen; vom Relativismus die Gewissheit, dass diese gemeinsame Welt aus absolut heterogenen Teilen aufgebaut werden muss, die nie ein Ganzes ergeben werden, sondern bestenfalls eine zerbrechliche, korrigierbare und vielfältige Komposition” (Latour 2010a).
Was Kompositionismus bedeutet, zeigt Latour in seiner Akteur-Netzwerk-Theorie. In dieser wird (unbelebten) Dingen eine Handlungsmacht zugeschrieben. Der Mensch ist nur ein Akteur in einem Handlungsnetzwerk aus Akteuren und Aktanten. Was dies bedeutet, erklärt Latour selbst am Beispiel des Hutes und des Thunfisches (siehe Latour 2010b). Diese Art zu Denken wird insbesondere in Virtuellen Welten aktuell. Im Sinne Latours handeln auf Facebook und Netzwerke aus Akteure (das Nutzende Individuum) und Technik. Einfaches Beispiel: Wenn ich auf Facebook keinen “gefällt mir nicht Button” habe, muss ich, um mein Missfallen auszudrücken, die Kommentarfunktion nutzen. Wer hat nun gehandelt, wenn ich in die Kommentarbox “Gefällt mir nicht” schreiben? Ich? Facebook? Beide? Bei Latour ist es einfach: Ein Netzwerk aus mir und Facebook. Bzw. noch viel Genauer: Ein Netzwerk aus mir, Facebook, dem Bildschirm, einer Tastatur, einer Internetanbindung, einem Provider der die Daten transportiert, dem TCP/IP-Protokoll, dass diese Sendung kontrolliert…
Wo die klassische Subjekttheorie ein handelndes Subjekt annimmt, sieht Latour ein Netzwerk, bestehend aus Modulen. Das Ganze ist keine simple Übernahme digitaler Logik auf die Beschreibung menschlicher Prozesse, aber die Gemeinsamkeiten veranlassen mich dazu zu sagen: Kompositionismus zu Denken ist erst in einer digitalisierten Welt möglich, weil keine technologische Neuerung zuvor Identität in diesem Maße dekonstruiert hat.














Wau Holland, der Gründer des Chaos Computer Clubs hat es folgendermaßen auf den Punkt gebracht: “Der Computer ist eine Maschine zum Kopieren und Verändern von Bits” – was einmal digital vorliegt, lässt sich prinzipiell beliebig kopieren und ändern und damit auch neu zusammenstellen und das auch noch automatisch – vor allem der letzte Punkt ist neu, denn Kopieren und Rekombinieren gab es schon vorher (siehe dein Otlet-Vortrag). Die Mediosphäre wird darum durch Automatismen geprägt, die die Akteure unbewusst verinnerlichen. Vor allem Vergessen sie, dass die Automatismen im Gegensatz zu Natur von Menschen geschaffen sind und ebenso anders ausfallen könnten. Ich vermute bei Joseph Weizenbaum findet sich mehr dazu oder halt bei Foucault & Co.
Nachdem mein erster Kommentar-Versuch gescheitert ist, hier nun der zweite nach Jakob, der mich via Twitter erst auf diesen Blogbeitrag aufmerksam gemacht hat.
Zunächst: Ich habe weder Debray, noch Manovich, noch Latour gelesen.
Ich stimme zu, dass Vernetzung nicht das konstitutive Merkmal der “nächsten Sphäre ist”, denn Vernetzung war schon lange eine Eigenschaft der Literatur. (Allerdings kann man sagen, dass mit dem Hypertext ein neuer Typ von Schrift entsteht – Gernot Grube nennt ihn “autooperative Schrift” – , der das Verfolgen der Vernetzungslinien stark vereinfacht.) Ich halte aber auch nicht viel von Ansätzen, die nächste Mediosphäre als eine “digitale” zu bezeichnen und zwar aus dem Grund, dass die Digitalität alles andere als ein neues Phänomen ist, sondern uns spätestens seit Entstehung der Alphabetschrift begleitet.
Von den genannten “fünf Eigenschaften digitaler Medien” finden sich nach meiner (vor-?)schnell gefassten Meinung mindestens vier schon im vorelektronischen Zeitalter: Numerische Repräsentation, Modularität, Automatisierung (wie oben verstanden als algorithmisches Verfahren) und Variabilität. Man denke etwa nur an die Mathematik oder die formale Logik, wo sich Algorithmen bereits vor Erfindung der Elektrizität fanden. Relevant für diesen Zusammenhang ist sicher Sybille Krämers Buch über die Entwicklung des Kalküls und der operativen Schrift im 17. Jahrhundert. (BTW: Wäre Automatisierung erst im Inernetzeitalter – oder wie auch immer wir es nennen – möglich, könnte die Difference Engine nicht existieren.)
Ich bin der Meinung, dass sich hinter der “digitalen Mediosphäre” nichts anderes ist als die Weiterentwicklung der Schrift im elektronischen Zeitalter verbirgt. (Ich gehe auch mal davon aus, dass Debray nicht sagt, die Logosphäre sei Vergangenheit und wäre von der Grafosphäre abgelöst worden. Dass die Schrift nicht durch den Buchdruck abgelöst wurde, sondern ganz im Gegenteil stärker verbreitet wurde, ist ja klar.) Und der wesentliche Unterschied zur Grafosphäre ist dabei eben nicht die Digitalität, denn diese ist nicht neu. Meines Erachtens ist die wesentliche Neuerung der sich entfaltenden Sphäre, dass die Daten elektronisch gespeichert sind, woraus einige weitere Eigenschaften resultieren:
Eine gewisse Medienunabhängigkeit der gespeicherten Informationen.
Die Ubiquität, d.h. Ortsungebundenheit der Information, denn ich kann überall, wo ein Computer mit Internetanschluss ist, darauf zugreifen.
Die Programmierbarkeit der gespeicherten Daten. Dahinter verbirgt sich die Tatsache, dass ich Kalküle eben automatisch (von Maschinen) vollziehen lassen kann. Diesen Punkt betont ja auch Jakob in seinem Kommentar, wenn er die Neuerung der automatischen Kopier- und Rekombinierbarkeit betont.
(Ich orientiere mich in dieser Darstellung stark an Christian Stetters Merkmalen der Wissensgesellschaft.)
Zum Digitalitätsbegriff habe ich übrigens vor einiger Zeit auch hier etwas aufgeschrieben.
Hallo Jakob, Hallo Adrian,
Danke für eure Kommentare. Ich bleibe beim generellen Du, fühlt euch bei den Passgen, die sich auf euren jeweiligen Kommentar beziehen bitte angesprochen.
Zunächst um ein Missverständnis aufzuklären: Debray geht nicht davon aus, dass eine Mediosphäre die vorherige komplett ersetzt, dem zuvor prägenden Medium kommt nur eine neue Rolle zu. Dabei bezieht sich Debray vor allem auf die Übermittlung und die Frage, wie “Wissen” durch die Zeit transferiert wird.
Nun jedoch warum ich die Digitalisierung als “Leitmedium” in den Dienst nehme.
Otlet und Digitalierung
Ich denke Digitalisierung ist mehr als nur Automatisierung. Sicherlich hat auch Otlet die Vision von “Universial Book” gehabt. Die Manipulationsmöglichkeiten eines Bildes, die dadurch, dass es numerisch auf meiner Festplatte liegt, sind aber durch die Digitalisierung enorm gestiegen, dass ist mehr (im mal das Otlet-ähnliche Bild vom Memex [Bush] zu bemühen) als eine Microfilmrolle voller Bilder. Was Otlet vor allem angedacht hat, war glaube ich zentrale Sammlung und Vernetzung von Information. Grundgedanken der Digitalisierung sind da darin. Deshalb auch die letzte Folie in der Präsentation. Ziel war eine Diskussion darüber anzuregen, ob Otlet Eigenschaften digitaler Medien schafft ohne zu digitalisieren. Die Diskussion hat sich in eine andere Richtung entwickelt, weshalb der Gedanke noch in den Kinderschuhen steckt. Unabhängig davon: Selbst wenn Otlet ein Digital dachte: Viele seiner Gedanken wurden nicht realisiert. Ich habe ihn in einer auf die Präsentation folgende Ausarbeitung in einer Fußnote ja als Vordenker der nächsten Mediosphäre bezeichnet.
Automatisierung
Die Verinnerlichung von Mechanismen sehe ich nicht als Merkmal einer Mediosphäre an, weil dadurch nur das a priori beschreiben. Auch in der Buchkultur wurden Mechanismen verinnerlicht: Die eine Reihe von Buchstaben als Wort und Worte als Satz zu erkennen. Ich glaube dein Gedankengang geht in die Richtung von Frank Schirrmachers, der in Payback die These vertritt, wir würden uns zum Sklaven maschineller Logik machen. Ich habe das bei Anne schon genauer kommentiert, daher nur die Kurzform: Die Menschheit war schon immer durch ihre Technik geprägt. Das ist auch der Punkt von Latour, der sich weigert, den Menschen als alleiniges handelndes Subjekt zu denken. Die Trennung Natur, Mensch, Technik weist er als künstlich zurück. Ich sehe das genauso: Wann war der Mensch je natürlich?
Digitalisierung als Weiterentwicklung von Schrift:
Nein! Ich gehe davon aus, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem Visualität immer wichtiger wird, unter anderem weil wir durch die Digitalisierung leichter Videos und Bilder bearbeiten und mit ihnen kommunizieren können. Das Internet ist eine Folge der Digitalisierung, Youtube eine Form des Internets: Geht es da um Schrift? (Ich will jetzt nicht die Schlagwörter Visual Culture und Pictoral Turn benutzen).
Elektronik als grundlegendes Element
Interessanter Gedankengang. Insofern ist er richtig, weil digitale Speicherung überwiegend elektronisch erfolgt. Allerdings heißt elektronische Datenspeicherung noch nicht, dass die Daten numerisch repräsentiert sein müssen oder automatisch veränderbar sein müssen. Die von dir angesprochene Medienunabhängigkeit spricht Manovich mit dem Begriff des Transcoding an. Die Ortsunabhängigkeit sehe ich nur zum Teil als neu an: Wenn ich ein Buch in einen Umschlag packe und dir zusende, ist die Information auch unabhängig vom Standort.
LG
Wolfgang
p.S.: Die Stetter-Definition der Wissensgesellschaft wirkt für mich eher wie das, was schon seit langem als Informationsgesellschaft diskutiert wird.
Hmm,
ich bin mir nicht sicher, ob du meine Argumentation nicht missverstanden hast. Ich würde gerne mal hören, was du eigentlich unter Digitalisierung verstehst, so dass die Schrift nicht unter den Begriff “digital” fällt. (Mein Schriftbegriff umfasst übrigens nicht nur die Alphabetschrift, Silbenschriften und logographische Schriften, sondern auch “operative Schriften” wie die Schrift der formalen Logik, das dezimale Zahlensystem, die Algebra etc. Siehe zu einem solchen Schriftbegriff, “der den Phänomenbereich von Schrift weder künstlich beschneidet noch inflationär ausweitet”, etwa die Einleitung von “Schrift: Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine“.) Übernimmst du Manovichs Definition? Und impliziert sein Digitalitätsbegriff Elektrifizierung? Oder würdest du zustimmen, dass nicht-menschliche Symbolmanipulation genauso die ‘fünf Bedingungen der Digitalisierung’ erfüllt/erfüllen könnte? Ich habe meinen Begriff von Digitalität ja – wie oben erwähnt – hier versucht zu erläutern. Vielleicht schaust du dir das mal an, um meine Argumentation besser nachvollziehen zu können… Mir scheint, dass du “digital” synonym mit “elektronisch” benutzt. Dieser Gebrauch ist ja weit verbreitet und auch ein Theoretiker wie Jay David Bolter schreibt, “‘digital’ und ‘elektronisch’ sind in den heutigen kulturellen Darstellungen der neuen Medien synonym”. (Und er tut dies in einem Buch, wo die anderen Autoren eben Digitalität nicht an Elektrifizierung koppeln!)
Zum Thema Visualität vs. Schriftlichkeit. Ich stimme dir zu, dass Visualität immer wichtiger wird. Du sagst auch, dass die “Manipulationsmöglichkeiten eines Bildes” durch die Digitalisierung “enorm gestiegen” seien. Hier kommt aber wieder die Schrift ins Spiel: Es ist eben diese Manipulation, die wiederum schriftbasiert ist, weil sie mittels Computerprogrammen stattfindet. Programme sind Produkte der Schrift, was schon ihr Name (‘gramma’ heißt Buchstabe) deutlich macht.
Du schreibst:
“Allerdings heißt elektronische Datenspeicherung noch nicht, dass die Daten numerisch repräsentiert sein müssen oder automatisch veränderbar sein müssen.”
Kannst du mir auf die Sprünge helfen und ein Beispiel nennen, wann Daten elektronisch aber nicht numerisch (als bits und bytes) und auch nicht automatisch veränderbar gespeichert werden?
Du schreibst:
“Die Ortsunabhängigkeit sehe ich nur zum Teil als neu an: Wenn ich ein Buch in einen Umschlag packe und dir zusende, ist die Information auch unabhängig vom Standort.”
Vielleicht hätte ich mich konkreter ausdrücken müssen: Ich kann (idealerweise) überall, wo sich ein Computer mit Internetanschluss befindet, direkt (per Mausklick) auf die Information zugreifen und muss weder einen Griff ins Regal noch eine Fernleihe tätigen, noch mir ein Buch anderweitig zuschicken lassen. Und vor allem wird durch meinen Zugriff niemand anders von Zugriff auf die Information ausgeschlossen, wie es in deinem Beispiel der Fall ist, weil Bücher eben knappe Güter sind. (Wo wir wieder beim Kopieren von Bits wären, was vielleicht die einfachste Form der automatischen Manipulation von Schriftzeichen darstellt.) Die Ubiquität elektronisch gespeicherter Information basiert somit auf ihrer simplen Kopierbarkeit und Übertragbarkeit…
Adrian
Digitalisierung
> Ich würde gerne mal hören, was du eigentlich unter Digitalisierung verstehst,#
> so dass die Schrift nicht unter den Begriff “digital” fällt.
Ich folge da Manovich. Schrift per se ist weder numerisch Repräsentiert, noch lässt sie sich durch Algorithmen automatisieren. Einfaches Bsp: Handschrift. Deinen Beitrag habe ich gelesen. Du stellst ja die Code-Eigenschaft in den Mittelpunkt. Code ist eine andere Beschreibung für einen automatisierten Algorithmus und da bin ich wieder bei Manovich.
Dein Schriftbegriff ist ähnlich weit, wie der Sprachbegriff bei Norbert Meder. Man kann damit arbeiten, aber ehrlich gesagt, finde ich, dass große Kategorien einer differenzierten Beschreibung nicht dienlich sind (Wenn man unbedingt einen Überbegriff braucht, kann man von Symbolsystemen sprechen). Sicherlich kannst du so die Programmierbarkeit von Daten als Weiterentwicklung von Schrift und Sprache betrachten. Aber damit hast du die Gesamtheit des Digitalisierungsphänomen nicht erfasst. Einfaches BSP: Auch XML-Programmcode wird vom Prozessor in 0 und 1 bearbeitet und so evtl. ein ein Doc-Dokument umgewandelt (Transcoding). Digitalisierung meint ja, dass alle 5 Eigenschaften auftreten. Das es einige davon vorher schon gab, will ich nicht abstreiten. Technik entwickelt sich ja nicht im luftleeren Raum. Ich bin da jemand der foucaultisch angehaucht, eher nach Differenzen sucht.
Dieses Gesuche nach dem “Schriftlichen” in den Zahlen, im Bild, im Film etc. ist irgendwie typisch für die deutsche Medienwissenschaft und durch den linguistik Turn bedingt. Deshalb bemühen sich die Medienwissenschaftler auch zu Tode, um zu beweisen, dass jedes Medium einen Medientext enthält. In meinen Augen, ist das nicht unbedingt dienlich, wenn wir verstehen wollen, was das spezifische an “neuen” Medien ist.
Digitalität und Elektrizität:
Einfaches Beispiel: Die Kassette. Ein Kassettenrekorder muss an die Steckdose und bedarf somit Elektrizität. Auf dem Speichermedium wird trotzdem analog gespeichert. Darin das Digitalität ohne Elektrizität keinen Spaß macht, darin würde ich dir recht geben.
Ubiquiutät:
Ist für mich eine Fortführung der Vernetzung. Und Vernetzung basiert ja m.E. auf Digitalisierung. Worin besteht die simple Übertragbarkeit denn? Darin, dass es einen gemeinsamen Code gibt z.B. die Buchstaben. Ich kann ein Buch auch abschreiben. Aber das meinst du ja nicht. Die Ubiquität funktioniert nur, weil jeder Buchstabe eine bestimmte Zahl an Bits zerlegt wird, die mittels TCP/IP über Datenleitungen von Rechner zu Rechner geschickt wird.
Ehrlich gesagt, wird es mir jetzt aber sehr beliebig. Für einen, der “foucaultisch angehaucht” ist (was immer das bedeutet) und “nach Differenzen sucht”, sprichst du ziemlich ungenau: “Dieses Gesuche nach dem “Schriftlichen” in den Zahlen, im Bild, im Film etc. ist irgendwie typisch für die deutsche Medienwissenschaft und durch den linguistik Turn bedingt.”
Das “linguistic” in “Linguistic Turn” bezieht sich nicht allein auf Schriftsprache, sondern auf Sprache im allgemeinen, wenn nicht meist sogar eher auf die orale Sprache. Und niemand hat behauptet, dass die orale Sprache digital sei oder orale Sprache und Schrift nicht zu unterscheiden sind. Also wenn schon, dann müsstest du das Gesuche nach dem Sprachlichen kritisieren, was durchaus legitim sein kann, wenn es denn näher begründet wird. Und die deutsche Medienwissenschaft habe ich auch noch nirgends gesehen…
“Code ist eine andere Beschreibung für einen automatisierten Algorithmus”. Nein, ist es nicht. In der Wikipedia heißt es etwa: “Im Allgemeinen ist ein Code eine Vereinbarung über einen Satz (eine Menge) von Zeichen wie z.B. Index, Icons oder auch Symbolen (Bedeutungsträgern, oder Verweisen) zum Zweck des Informationsaustauschs.” Code ist Voraussetzung für automatisierte Algorithmen aber nicht mit diesen gleichzusetzen. Ich verstehe Code als einen anderen Ausdruck für “Symbolschema” (nach Nelson Goodman). Und wo wir gerade dabei sind: Ja, “Symbolsystem” (ein Goodmanscher Begriff, siehe etwa “Sprachen der Kunst” oder diese Hausarbeit) ist ein Überbegriff, der sehr nützlich ist aber eben bei weitem nicht mit einem weiten Gebrauch von “Schrift” gleichzusetzen ist. Neben Schrift gibt es eben noch eine ganze Menge weiterer Symbolsysteme wie etwa Malerei, Musik, Tanz oder die Wahrnehmung.
Zur Kassette: Die Kassette ist ein magnetischer Datenspeicher und kein elektronischer Speicher, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Datenspeicher#Magnetische_Speicherung.
Deinen Ausführungen zur Ubiquität kann ich hingegen nur zustimmen.
Ok. Dann kritisiere ich halt die Suche nach dem Sprachlichem im Visuellen. z.B. Filmtheorien, die versuchen für jedes filmische Element ein Äquivalent in der Sprache zu finden (vereinfacht: Einstellung = Wort, Sequenz = Satz, vgl. dazu z.B. Film verstehen von James Monaco).
Die deutsche Medienwissenschaft ist schnell gefunden. Gucke in die Einführungsbände, z.B. von Hickethier, da braucht er mehrere Seiten, um zu erklären, dass auch Filme “Medientexte” sind. Ein Problem, dass ich nur bedingt habe. Dann gucke weiterhin auf die Lehrstühle an dehnen medienwissenschaftliche Studiengänge angesiedelt sind, oftmals spielt die Linguistik eine große Rolle. Ich habe kein Problem, dass man Phänomene auch aus dem Blickwinkel der Sprache betrachtet. Aber bitte, eben nicht nur.
Focaultisch angehaucht heißt in dem Fall: Ich erkenne Digitalisierung als heterogenes Phänomen an, dass aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist die alle ihre eigene Geschichte haben, ohne dabei zu sagen, dass man eine vorrangige Entwicklungslinie ziehen kann. Das heißt: Also sicherlich steckt in der Automatisierung eine (veränderte von klassischer Handschrift zu unterscheidende) Form der Schrift. In dieser Form sind sicherlich Eigenschaften repräsentiert, die sich im Urprinzip der (gesprochenen) Sprache wiederfinden. Aber das ist eben nicht ausreichend, um das Phänomen zu erklären, weshalb Digitalisierung mehr ist als Weiterentwicklung von Schrift.
Ok, (Programm-) Code ist die Voraussetzung für Automatisierung. Das ändert m.E. wenig daran, dass sich dein Digitalisierungsbegriff im Wesentlichen auf Automatisierung stützt und in sofern nicht zu Manovich in Konkurrenz tritt.
Kassette: Gerade die analog-magnetische Speicherung der Datensätze zeigt, dass Elektrizität noch nicht zu einer digitalen Speicherung führen muss. Auch die von mir öfters angesprochene Festplatte ist ein Magnetspeicher. Insofern gibt es soetwas wie “elektronisch gespeicherte” Daten an sich nicht. Es gibt nur mit Hilfe von Elektronik gespeicherte Daten. Deshalb kann man Digitalisierung und Elektronik unterscheiden.
Jedenfalls scheint mir ein wesentlicher Unterschied zwischen geschriebenen und digitalisierten Produktionen
1. im Bereich der Authentifzierung zu liegen (Prüfung von Fälschungen bei analog codierten Produktionen (Schriften, Malerei), Sicherung davor sind wohl (relativ?) vollkommen anders als bei digitalen
2. auch die Frage nach Identität stellt sich bei digitateln Produkten wegen der beliebigen (identischen) Reproduzierbarkeit und Vervielfachung auch anders (auch unsere Wertschätzungskultur des Originals wird so gekippt)
3. Die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Identischem (Digitalen) ist wohl auch ein sehr bedeutsamer Umstand.
Jedenfalls scheinen mir das praktische Gründe, nicht alles Zeichenhafte in einen Topf zu schmeißen und herum zu rühren.