Die nächste Mediosphäre
19. Mai 2010Vorgestern twitterte ich die kurze These in die Welt hinaus, das konstitutive Merkmal der aktuellen/nächsten Mediosphäre sei nicht das Internet, sondern vielmehr die Idee der Digitalisierung. Nun wird es Zeit das ganze mal etwas länger als 140 Zeichen auszuführen.
Auch wenn mir etwas mehr Zeichen zur Verfügung stehen, handelt es sich bei diesem Beitrag mehr um lose Gedankenfetzen als um einen konsistenten Theorieentwurf. Hier steht ein Gedankenansatz, der funktionieren könnte, oder auch nicht.
Zur Mediologie
Der Begriff der Mediosphäre entstammt einer kulturwissenschaftlichen Perspektive der Medienforschung, die sich insbesondere in Frankreich hoher Popularität erfreut: Der Mediologie. Der Grundgedanke des Ansatzes besteht darin, dass
“bescheidene technische Modifikationen zu mehr oder weniger auf- und abwertenden -ismen werden” und somit ein “technisch-soziales Übertragungs- und Beförderungsmilieu mit einer eigenen Raum-Zeit” konstituieren (Debray 2003, 44).
Technologische und somit auch mediale Entwicklungen tragen auf diese Weise zu einem a priori im Sinne Foucaults bei, welches die Grenzen dessen, was wir denken können, definieren und somit das Epistem ihrer Zeit definieren. Christina Schwalbe und Torsten Meyer sprechen in diesem Zusammenhang von einem blindem Fleck: “Blinder Fleck bedeutet: man sieht nicht, dass man dort nicht sehen kann.” (Schwalbe/ Meyer 2010, 32). Das Internet kann hier als gutes Beispiel dienen: Ein Mensch, der vor über 100 Jahren lebte, konnte sich nicht als ein über Facebook, StudiVZ, etc. vernetzter Mensch denken, er wusste auch nicht, dass er sich nicht als solcher Denken konnte.
So entsteht durch die vorherrschenden Medien(-technologien) eine so genannte eine Mediosphäre. Diese bezeichnet:
“eine bestimmte Art regulierender Überzeugungen […], eine besondere Zeitlichkeit (oder eine typische Beziehung zur astronomischen Zeit) und eine bestimmte Art, wie Gemeinschaften eine Einheit, einen Körper bilden (mehr als nur einen Rahmen für ihren territorialen Zusammenschluss). Ihre Vereinigung charakterisiert die kollektive Persönlichkeit oder Stileinheit einer Epoche – oder das, was ihren Instrumenten, Formen und Ideen gemeinsam ist” (Debray 2003, 44).
Diese lassen sich – so die Meinung der Mediologen – erst im Nachhinein erkennen und beschreiben, sodass ich mir auch nicht ganz sicher bin, ob die Mediosphäre, welche im Folgenden kursorisch beschreiben möchte, schon begonnen hat oder erst im Beginnen begriffen ist.
Die Digitale Mediosphäre
In seiner Einführung in die Mediologie beschreibt Regis Debray drei vergangene Mediosphären. Die durch die Schrift geprägte Logosphäre. Die durch den Buchdruck ausgelöste Grafosphäre und darauf folgende Videosphäre. Ich werde diese Sphären im Folgenden nicht mehr genauer ausführen und mich auf die nächste Sphäre beziehen.
Oftmals wird vermutet, die neue Mediosphäre sei eine Hypersphäre, einer durch Vernetzung – namentlich: das Internet – gekennzeichnete. Ich will nicht abstreiten, dass das Internet eine wichtige Rolle in der kommenden Sphäre spielen wird, sehe in ihm aber nicht das konstitutive Merkmal. Nicht das Internet, vielmehr die Digitalisierung ist für die Umwälzung des Denkens verantwortlich, die sich gerade abspielt.
Was aber verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff der Digitalisierung? Ich arbeite mit der Definition von Lev Manovich, der 5 Eigenschaften digitaler Medien nennt:
- Numerische Repräsentation
ein Medienobjekt lässt sich formal-numerisch beschreiben (in der Regel von 0 und 1, wobei das Prinzip der numerischen Repräsentationen auch bei höheren Zahlensystemen nicht angegriffen werden würde). - Modularität
eine Anwendung besteht aus einzelnen Modulen. - Automatisierung
Abläufe lassen sich durch Algorithmen beschreiben. - Variabilität
Digitale Medien sind prinzipiell veränderbar und können in verschiedenen Versionen existieren. - Codeumsetzung (Transcoding)
Beschreibt Umsetzung von Dateien in unterschiedliche Formate.
Digitalisierung heißt also (etwas verkürzt): Eine jede Information, und somit auch der “Content” eines Mediums, lassen sich numerischen beschreiben und relativ unabhängig vom materiellen Träger kopieren, konvertieren, verändern, etc. Medientheoretisch stellt dies eine Revolution dar, noch nie war der Inhalt eines Medium so unabhängig von seinem materiellen Träger. Ob Text, Audio oder Video: Alles passt auf USB-Sticks, Festplatten, CD-ROMs.
Aber Warum liegt gerade hierin die konstitutive Kraft, der neuen Mediosphäre? Warum hier und nicht im Internet? Die Antwort ist relativ einfach: Der enorme Erfolg des Internets wäre ohne die Digitalisierung nicht möglich geworden. Die Basis des WWW ist weitestgehend das TCP/IP-Protokoll. IP bedeutet: Mein Rechner ist durch eine Zahl adressierbar. Andersformuliert: Die Vernetzung von Rechnern bedeutet, dass wir sie zuerst numerisch beschreiben müssen. Youtube, Flickr etc. bauen alle darauf auf, dass die zugrundeliegenden Daten digital vorliegen. Ein Analoges Flickr wäre denkbar, aber ein Rundbrief via klassischer Post, in dem ich an alle Gruppenmitglieder Fotos zu einem spezifischen Thema zukommen lasse, würde kaum viele Anhänger finden. Das so viele Menschen bei Flickr Bilder hochladen liegt auch daran das es einfach ist: Warum ist es einfach? Weil viele Prozesse automatisiert sind, weil alle Bildformate in ein einheitliches Format transcodiert werden, …
Doch der Einfluss der Digitalisierung geht über das Internet hinaus. Medien erscheinen nun als Komposition als Module. Ein Film lässt sich zerlegen in Audio- und Videospur. Die Videospur nochmals in Einzelbilder. Diese in einzelne Pixel. Kurzum: Das Medium erscheint als Komposition. Aus Identität wird eine Zusammensetzung heterogener Elemente.
Auf den ersten Blick klingt dies banal. Beim zweiten Hinsehen wird aber deutlich, dass sich dahinter ein neues Denkparadigma verbirgt, formuliert wurde dies von Bruno Latour, welcher das kompositionistische Manifest schrieb. Darin ruft er den Kompositionismus zum neuen Denkmodell aus:
“Obwohl das Wort “Komposition” ein bisschen lang und aufgeblasen ist, ist schön daran, dass es betont, dass Dinge zusammengesetzt wurden (lat. componere), während sie ihre Heterogenität beibehalten.
[…] Kompositionismus stellt sich der Aufgabe, Universalität zu suchen, ohne zu glauben, dass Universalität schon da sei und darauf warte, enthüllt und entdeckt zu werden. Es ist somit soweit vom Relativismus (im banalen Sinn) entfernt wie vom Universalismus […] Vom Universalismus nimmt sie die Aufgabe an, eine gemeinsame Welt aufzubauen; vom Relativismus die Gewissheit, dass diese gemeinsame Welt aus absolut heterogenen Teilen aufgebaut werden muss, die nie ein Ganzes ergeben werden, sondern bestenfalls eine zerbrechliche, korrigierbare und vielfältige Komposition” (Latour 2010a).
Was Kompositionismus bedeutet, zeigt Latour in seiner Akteur-Netzwerk-Theorie. In dieser wird (unbelebten) Dingen eine Handlungsmacht zugeschrieben. Der Mensch ist nur ein Akteur in einem Handlungsnetzwerk aus Akteuren und Aktanten. Was dies bedeutet, erklärt Latour selbst am Beispiel des Hutes und des Thunfisches (siehe Latour 2010b). Diese Art zu Denken wird insbesondere in Virtuellen Welten aktuell. Im Sinne Latours handeln auf Facebook und Netzwerke aus Akteure (das Nutzende Individuum) und Technik. Einfaches Beispiel: Wenn ich auf Facebook keinen “gefällt mir nicht Button” habe, muss ich, um mein Missfallen auszudrücken, die Kommentarfunktion nutzen. Wer hat nun gehandelt, wenn ich in die Kommentarbox “Gefällt mir nicht” schreiben? Ich? Facebook? Beide? Bei Latour ist es einfach: Ein Netzwerk aus mir und Facebook. Bzw. noch viel Genauer: Ein Netzwerk aus mir, Facebook, dem Bildschirm, einer Tastatur, einer Internetanbindung, einem Provider der die Daten transportiert, dem TCP/IP-Protokoll, dass diese Sendung kontrolliert…
Wo die klassische Subjekttheorie ein handelndes Subjekt annimmt, sieht Latour ein Netzwerk, bestehend aus Modulen. Das Ganze ist keine simple Übernahme digitaler Logik auf die Beschreibung menschlicher Prozesse, aber die Gemeinsamkeiten veranlassen mich dazu zu sagen: Kompositionismus zu Denken ist erst in einer digitalisierten Welt möglich, weil keine technologische Neuerung zuvor Identität in diesem Maße dekonstruiert hat.














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