Wolfgang Ruge

kleiner Denker mit großer Stirn

Befreit den Zuschauer – nicht Rainer

26. August 2008

Gestern im DVD-Player: Free Rainer. Eine Mediensatire mit Moritz Bleibtreu, knapp 1 Jahr alt. Der Inhalt ist folgender: Rainer, führender angestellter beim Sender TTS und dort verantwortlich für diverse Showformate, hat einen Unfall, erkennt in einer Vision, dass er die Leute verblödetet und beginnt einen Kampf gegen die Quote. Er eignet sich widerrechtlich die Boxen der IMA an und manipuliert die Quotenmessung so, dass ab sofort intelligente Sendungen gute Quote haben. Er hat Erfolg. Die Sender ändern ihr Programm, Proust statt Pornographie. Irgendwann fliegt der Betrug auf, Rainer kann sein Team und seine Ausrüstung in Sicherheit bringen, alles scheint verloren, doch die Zuschauer gucken weiter intelligente Sendungen.

Ist das nicht schön, eine tolle Mediensatire. NEIN.

Es gibt viele Gründe dafür, dass ich den Film in diesem Beitrag zerreißen werde. Über unglaubwürdige Charakterentwicklungen des Hauptdarstellers werde ich mich nicht aufregen. Ebenso wenig über die Logik des Films. Die Zuschauer im Film schaffen es tatsächlich gleichzeitig intelligente Sendungen zu gucken und TV-Abstinent zu sein. Das nenne ich wahres Multitasking.  Die Kritik von critic.de, der Film sei eindimensional, trifft es schon ganz gut. Ich möchte mir zwei Punkte herausgreifen: Die Rolle des Zuschauers im Film und das propagierte Bildungsideal.

Der Rezipient in Free Rainer…

… kommt nicht gut weg. Grund dafür ist, dass er in ein einfaches Medienwirkungsschema gepresst wird. Der Fernseher zeigt dumme Sendungen – Der Zuschauer verblödet, hält alles für Realität und möchte Günther Jauch zum Kanzler machen, weil er immer so gut weiß. Der Fernseher zeigt intelligente Sendungen und schon fangen die Menschen an zu lesen, gelbe Reclam-Heftchen und nicht irgendeinen Schund. Eine Renaissance  der Dichter und Denker. Und während einige Sender in Free-Rainer eine Fassbinder-Nacht nach der anderen senden und die klassische Literatur propagieren, freuen sich auf anderen Kanäle die Wissenschaftler darüber, dass die Medien endlich wieder ihre Rolle als „(Ver-)Mittler der Welt“ einnehmen. Intelligentes Fernsehen macht intelligent.

Free Rainer möchte eine Mediensatire sein, die für ein gutes Programm im Fernsehen eintritt. Gegen schlechte Show- und Serienformate, die den Zuschauer nicht ernst nehmen, ihn verblöden. Dennoch wird der Rezipient in Free Rainer nicht ernst genommen, vielmehr wird er auf einen fernsehguckenden Pavlovschen Hund reduziert. Dummer Input => Dummer Output. Intelligenter Input => Intelligenter Output.
Es ist dem Film nicht möglich ein differenziertes Bild aufzubauen. z.B. den gebildeten Zuschauer, der dumme Sendungen nur guckt, weil er Zerstreuung braucht. Man braucht nur mal in die aktuelle Medienforschung zu gucken, der Fernseher ist ein „Nebenbei-Medium“, kaum jemand widmet ihm die volle Aufmerksamkeit. Ich gucke mir ab und zu auch gerne mal niveaulose Sitcoms an, intelligenter werde ich dadurch nicht, aber wenigstens kann ich dabei bügeln.

Wenn man sich bei Free Rainer ein wenig Gedanken über verschiedene Nutzungstypen gemacht hätte, wäre es nicht zu der eindimensionalen These gekommen, dass Fernsehen pauschal verblödet. Aber  wenigstens in solchen Pauschalisierungen sind wir Deutschen richtig gut.

Das Bildungsideal in Free Rainer

Ein weiterer Kritikpunkt am Film ist für mich das Bildungsideal, das im Film propagiert wird. Fassbinder-Filme sind intelligent, gute Bücher kommen nur von Goethe und Schiller, bitte nur ernsthafte Dokus und kein Edutaiment, überhaupt bitte möglichst wenig bewegtes Bild. Gute Bildung gibt’s nur, wenn der Fernseher zwei intelligente Menschen zeigt, die sich unterhalten – eine These die schon Neil Postman vertreten hat, und welche in der Medienpädagogik als grundfalsch zurückgewiesen wird.

Ich will hier nicht undifferenziert gegen das klassische deutsche Bildungsideal wettern. Die Werke Goethes und Schiller enthalten durchaus Bildungspotenziale. Aber nicht jeder, der Faust liest, entwickelt daraus ein differenziertes Bildungsverständnis. Fassbinderfilme haben ihre Qualitäten, aber auch aktuelle Filme haben durchaus Bildungspotenziale. Bildung wird in Free Rainer reduziert auf einen Kanon, einen klassischen Kanon, bitte nichts jünger als 20 Jahre.

Bildung ist ein Prozess, der das Individuum zur Mündigkeit befähigen und ihm zu einem differenzierten Welt- und Selbstverhältnis verhelfen soll. Es gibt sicherlich Werke der Literatur und des Films, die universelle menschliche Probleme, die einen uns vorstellbaren Zeitraum überdauern, thematisieren und die heute so bildungsanregend sind wie vor 20, 50 oder gar 100 Jahren. Aber es gibt auch menschliche Probleme, die an eine bestimmte Zeit gebunden sind. Goethe kann die Chancen und Risiken, die das Internet bietet nicht reflektieren. Er konnte sich keine Gedanken über das Verhältnis vom Avatar und dem dahinterstehenden Menschen machen, einfach weil es zu seinen Lebzeiten kein Second Life gab.

Aber solch ein differenziertes Verständnis von Bildung findet sich in Free Rainer nicht. Aber wenn sollte Raine auch so differenziert bilden wollen? Den Rezipienten seiner Sendungen, den pavlovschen Hund, das Schaaf, das nur der Masse folgt?

Wer den Mensch nur als willenloses Individuum betrachtet, welches nur der Masse folgt, welches man wie Ton formen kann, der wird die Logik von Bildung nie verstehen.

Denn bilden ist immer ein sich bilden.

Kategorien
Medienwelt und Medienbildung
Tags
Bildung, Bildungspotenziale, Free Rainer, Medienkritik, Mediennutzung, Mediensatire, Medienwirkung, pavlovscher Hund
RSS Kommentare
RSS Kommentare
Trackback
Trackback

« Bildung in Metern? – oder: Die Blogosphere stöckelt. A long way north oder wie ich lernte die Bombe zu hassen »

Leave a Reply

Hier klicken, um die Antwort abzubrechen.

Seiten

  • Startseite
  • Studium
  • Private Projekte
  • Curriculum Vitae
  • Impressum und Kontakt

Kategorien

  • In eigener Sache
  • Medienwelt und Medienbildung

Worum es hier geht

Arnheim augmented Reality Avatare Bücherverbrennung Bachelor-Arbeit Bauman Bewusstsein Bildungspotenziale Blade Runner Clouds Cyborgs Demokratie ec10hh educamp Fahrenheit 451 Film Filmgeschichte Graswurzel Grounded Theory Hamburg Hybride Lernumgebungen Identität Internet Internetzukunft Jimmy Wales Machtstrukturen Medienbildung Medienkritik Medienwirkung mixed Reality Netzneutralität NoseRub Nummer 5 lebt Open Social Open Web postbiotisches Bewusstsein Präsentation Roboter Science-Fiction Sessions Soziale Netze virtuelle Welten Vorlesung Vortrag Weitere Medienbildner

WP Cumulus Flash tag cloud by Roy Tanck and Luke Morton requires Flash Player 9 or better.

Letzte Artikel

  • Die nächste Mediosphäre
  • Educamp Tag 2
  • Auf Augenhöhe – ec10hh – Tag 1
  • Präsentationen im November/Dezember
  • Arbeit im japanischen Film – Präsentation online

Letzte Kommentare

  • Martin Schön bei Die nächste Mediosphäre
  • studium » Twitter Trends bei Studium
  • wruge bei Die nächste Mediosphäre
  • Adrian bei Die nächste Mediosphäre
  • wruge bei Die nächste Mediosphäre

Lifestream

  • @ciffi ... Schule erworben haben. Reform ja, aber bitte mit genauer Betrachtung der Studien. Ich denke, du bist #pisaversteher. [wruge]
    — 22h ago via Twitter
  • @ciffi Einfach formuliert: Niemand kann dir sagen, dass die bayrischen Top-Schüler, ihre Fähigkeit nicht in der Nachhilfe statt in der ... [wruge]
    — 22h ago via Twitter
  • @ciffi Das die Schule diese hervorgerufen hat, also z.b. bay. Schulen besser sind als andere ist schon eine INTERPRETATION der Daten. [wruge]
    — 22h ago via Twitter
  • @ciffi Das ist auch für praktische Fragen relevant. Gemessen werden die Fähigkeiten, von Schülern bestimmter Schulformen (1) [wruge]
    — 22h ago via Twitter
  • @ciffi (2) Kompetenzen von Schülern bestimmter Schulformen gemessen wird. LERNEN kannst du nicht messen, nur Perfomanz (i.S. Chomskys) [wruge]
    — 24h ago via Twitter
  • @ciffi Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, ich verweigere mich neuer Erkenntnisse,weil ich darauf hinweise, das kein Lernen, sondern [wruge]
    — 24h ago via Twitter
  • @Doppelbinder Wie wichtig etwas ist, ist eine _qualitative_ Frage, das kann quantitativ ohnehin nicht beantwortet werden #repräsensativität [wruge]
    — 1d ago via Twitter
  • @ciffi Bildungsbericht können kein "Lernen" messen, und Empirie ist nie eindeutig, sie bedarf Interpretation - http://is.gd/f2bnl [wruge]
    — 1d ago via Twitter
  • Leitmedium klingt irgendwie nach Leitkultur. http://is.gd/f2aPD - Die Frage ist nur: Ist spiegel-online lesen, Zeitung oder Internet? [wruge]
    — 1d ago via Twitter
  • Solange sich SchülverVZ und Studi/MeinVZ nicht vernetzten lassen, sollten sie aufhören, ihre Nutzerdaten im FB-Vergleich zusammenzuzählen. [wruge]
    — 1d ago via Twitter

Blogroll

  • Anne Grabs
  • Benjamin Jörissen
  • Christopher Könitz
rss RSS Kommentare valid xhtml 1.1 design by jide powered by Wordpress get firefox
Leave a verified comment using