Befreit den Zuschauer – nicht Rainer

Gestern im DVD-Player: Free Rainer. Eine Mediensatire mit Moritz Bleibtreu, knapp 1 Jahr alt. Der Inhalt ist folgender: Rainer, führender angestellter beim Sender TTS und dort verantwortlich für diverse Showformate, hat einen Unfall, erkennt in einer Vision, dass er die Leute verblödetet und beginnt einen Kampf gegen die Quote. Er eignet sich widerrechtlich die Boxen der IMA an und manipuliert die Quotenmessung so, dass ab sofort intelligente Sendungen gute Quote haben. Er hat Erfolg. Die Sender ändern ihr Programm, Proust statt Pornographie. Irgendwann fliegt der Betrug auf, Rainer kann sein Team und seine Ausrüstung in Sicherheit bringen, alles scheint verloren, doch die Zuschauer gucken weiter intelligente Sendungen.

Ist das nicht schön, eine tolle Mediensatire. NEIN.

Es gibt viele Gründe dafür, dass ich den Film in diesem Beitrag zerreißen werde. Über unglaubwürdige Charakterentwicklungen des Hauptdarstellers werde ich mich nicht aufregen. Ebenso wenig über die Logik des Films. Die Zuschauer im Film schaffen es tatsächlich gleichzeitig intelligente Sendungen zu gucken und TV-Abstinent zu sein. Das nenne ich wahres Multitasking.  Die Kritik von critic.de, der Film sei eindimensional, trifft es schon ganz gut. Ich möchte mir zwei Punkte herausgreifen: Die Rolle des Zuschauers im Film und das propagierte Bildungsideal.

Der Rezipient in Free Rainer…

… kommt nicht gut weg. Grund dafür ist, dass er in ein einfaches Medienwirkungsschema gepresst wird. Der Fernseher zeigt dumme Sendungen – Der Zuschauer verblödet, hält alles für Realität und möchte Günther Jauch zum Kanzler machen, weil er immer so gut weiß. Der Fernseher zeigt intelligente Sendungen und schon fangen die Menschen an zu lesen, gelbe Reclam-Heftchen und nicht irgendeinen Schund. Eine Renaissance  der Dichter und Denker. Und während einige Sender in Free-Rainer eine Fassbinder-Nacht nach der anderen senden und die klassische Literatur propagieren, freuen sich auf anderen Kanäle die Wissenschaftler darüber, dass die Medien endlich wieder ihre Rolle als „(Ver-)Mittler der Welt“ einnehmen. Intelligentes Fernsehen macht intelligent.

Free Rainer möchte eine Mediensatire sein, die für ein gutes Programm im Fernsehen eintritt. Gegen schlechte Show- und Serienformate, die den Zuschauer nicht ernst nehmen, ihn verblöden. Dennoch wird der Rezipient in Free Rainer nicht ernst genommen, vielmehr wird er auf einen fernsehguckenden Pavlovschen Hund reduziert. Dummer Input => Dummer Output. Intelligenter Input => Intelligenter Output.
Es ist dem Film nicht möglich ein differenziertes Bild aufzubauen. z.B. den gebildeten Zuschauer, der dumme Sendungen nur guckt, weil er Zerstreuung braucht. Man braucht nur mal in die aktuelle Medienforschung zu gucken, der Fernseher ist ein „Nebenbei-Medium“, kaum jemand widmet ihm die volle Aufmerksamkeit. Ich gucke mir ab und zu auch gerne mal niveaulose Sitcoms an, intelligenter werde ich dadurch nicht, aber wenigstens kann ich dabei bügeln.

Wenn man sich bei Free Rainer ein wenig Gedanken über verschiedene Nutzungstypen gemacht hätte, wäre es nicht zu der eindimensionalen These gekommen, dass Fernsehen pauschal verblödet. Aber  wenigstens in solchen Pauschalisierungen sind wir Deutschen richtig gut.

Das Bildungsideal in Free Rainer

Ein weiterer Kritikpunkt am Film ist für mich das Bildungsideal, das im Film propagiert wird. Fassbinder-Filme sind intelligent, gute Bücher kommen nur von Goethe und Schiller, bitte nur ernsthafte Dokus und kein Edutaiment, überhaupt bitte möglichst wenig bewegtes Bild. Gute Bildung gibt’s nur, wenn der Fernseher zwei intelligente Menschen zeigt, die sich unterhalten – eine These die schon Neil Postman vertreten hat, und welche in der Medienpädagogik als grundfalsch zurückgewiesen wird.

Ich will hier nicht undifferenziert gegen das klassische deutsche Bildungsideal wettern. Die Werke Goethes und Schiller enthalten durchaus Bildungspotenziale. Aber nicht jeder, der Faust liest, entwickelt daraus ein differenziertes Bildungsverständnis. Fassbinderfilme haben ihre Qualitäten, aber auch aktuelle Filme haben durchaus Bildungspotenziale. Bildung wird in Free Rainer reduziert auf einen Kanon, einen klassischen Kanon, bitte nichts jünger als 20 Jahre.

Bildung ist ein Prozess, der das Individuum zur Mündigkeit befähigen und ihm zu einem differenzierten Welt- und Selbstverhältnis verhelfen soll. Es gibt sicherlich Werke der Literatur und des Films, die universelle menschliche Probleme, die einen uns vorstellbaren Zeitraum überdauern, thematisieren und die heute so bildungsanregend sind wie vor 20, 50 oder gar 100 Jahren. Aber es gibt auch menschliche Probleme, die an eine bestimmte Zeit gebunden sind. Goethe kann die Chancen und Risiken, die das Internet bietet nicht reflektieren. Er konnte sich keine Gedanken über das Verhältnis vom Avatar und dem dahinterstehenden Menschen machen, einfach weil es zu seinen Lebzeiten kein Second Life gab.

Aber solch ein differenziertes Verständnis von Bildung findet sich in Free Rainer nicht. Aber wenn sollte Raine auch so differenziert bilden wollen? Den Rezipienten seiner Sendungen, den pavlovschen Hund, das Schaaf, das nur der Masse folgt?

Wer den Mensch nur als willenloses Individuum betrachtet, welches nur der Masse folgt, welches man wie Ton formen kann, der wird die Logik von Bildung nie verstehen.

Denn bilden ist immer ein sich bilden.

Bildung in Metern? – oder: Die Blogosphere stöckelt.

In der deutschen Blogosphere scheint gerade ein neuer Trend zu entstehen. Die Blogger werfen sich gegenseitig Stöckchen zu und nehmen diese auf. Als Stöckchen wird dabei ein Fragenkatalog bezeichnet. Dieser variiert sowohl im Umfang der Fragen als auch in der Länge der zu erwartenden Antworten. Es gibt Stöckchen, die „nur“ Top 4 – Listen erwarten (u.a. gefunden bei Frank Bültge), Stöckchen, die sich mit dem (Schul-) Bildungsweg des Autors auseinandersetzen (u.a. bei Robert Basic {}), Stöckchen, die sich mit dem Bloggen an sich befassen und vieles mehr. Es gibt nun mehrere Arten, dieses neue Phänomen zu betrachten.

1.) Stöckchen als Ausdruck von Gruppendynamik

Eine Möglichkeit, die Stöckchen zu erklären, sind gruppendynamische Prozesse. Aus dem Kindergarten und aus den frühen Schuljahren kennt wohl jeder das typische Kennenlernspiel: Man setzt sich in einen Kreis und wirft sich einen Ball zu. Derjenige, der den Ball bekommt, muss eine vorher gestellte Frage beantworten.

Die Stöckchen sind erst einmal nur die digitale Version dieses Spiels. Die Blogosphere holt das vergessene einander vorstellen nach. Der Ball aus der „Offline-Version“ der Stöckchen, wird dabei durch Track- oder Pingbacks ersetzt. Viele Stöckchen enthalten einen „Blogger, an die ich das Stöckchen weiterreiche“ – Teil. Wenn man diese verlinkt, senden die modernen Blogsysteme automatisch eine Benachrichtigung an den entsprechenden Blogger. Das hat gegenüber dem Ball einen entschiedenen Vorteil: Man kann das Stöckchen an mehrere Personen senden.

2.) Stöckchen als selbstreflexive Artikulation

Neben dem kennenlernen hat das Stöckchen werfen und aufnehmen noch eine weitere Funktion. Sie sind die genormte Version dessen, was Benjamin Jörissen als Selbstreflexivitätspotenzial beschreibt:

Doch geht es in der Blogosphere doch sehr häufig – neben der Präsentation von Neuigkeiten und der Weitergabe zumeist detaillierterer Informationen – um artikulierte und einigermaßen elaborierte Äußerungen. Sie gehen mit einem gewissen Zwang einher, die Blogbeiträge „repräsentativ“ in Bezug auf die eigene Persönlichkeit (bzw. das, was man jeweils davon präsentieren möchte), zu gestalten – letztlich ist es eine Form der Selbstbeobachtung aus der Perspektive eines unsichtbaren Publikums, welche die Blogbeiträge zu performativen Selbstinszenierungen werden lässt (und ich glaube, das trifft für die meisten von Personen geführten Blogs, auch die professionellen, zu). Kurz: Weblogs sind in aller Regel reflexive Artikulationen. Reflexive Äußerungen nehmen zu einem Thema oder einem Sachverhalt Stellung, und sie verhalten sich in dieser Stellungnahme immer, wenn auch zumeist implizit, zu sich selbst. Sie werden dann auch als reflexive Äußerungen aufgefasst, was die ausgedehnte Kommentierungskultur in der Blogosphere erklärt.

Wie in dem Zitat schon deutlich wird, trifft dieses Selbstreflexivitätspotenzial auch auf „normale“ Blogbeiträge zu. Jedoch ist es m.E. bei fachbezogenen Beiträgen leichter, die Selbstinszenierung zurückzustellen. So wirkt z.B. das Weblog von Vladimir Simovic, auf mich weniger als eine Selbstinszenierung oder –reflexion, sondern vielmehr wie eine Reflexion über die Entwicklung des Blogsystems WordPress und die Konsequenzen dieser Entwicklung für die WordPress-Nutzer. So möchte ich festhalten: Bloggen an sich, enthält Selbstreflexivitätspotenziale, kann aber auch rein fachlich genutzt werden.

Die Stöckchen führen durch die Normierung des folgenden Beitrags dazu, dass der Blogautor sich oftmals zu persönlichen Dingen äußern muss. Ob nun in Top 4 – Listen oder epischen, wenn nicht gar epochalen, Antworten – der mit Stöckchen beworfene Blogger muss selbstreflexive Prozesse in Gang setzen und diese Artikulieren. Ich möchte sagen, das Selbstreflexivitätspotenzial wurde und wird durch die Blogosphere normiert und überführt so das Selbstreflexivitätspotenzial in einen Selbstreflexivitätszwang. Denn ein Stöckchen zu ignorieren, gehört wohl kaum zum guten Ton (Kleine Anmerkung am Rande: Hat eigentlich schon mal jemand so etwas wie eine Blogiquette formuliert?).

So werden sich die Blogger weiter mit Stöckchen beschmeißen und sich so zur Selbstreflexion zwingen. So kann man vielleicht bald Bildung in Metern messen – oder in Hämatomen.

Tut lesen doof machen tun?

Spiegel Leser wissen mehr – und daher wissen sie seit der Ausgabe 33/08 (vom 11. August) , dass das Internet Doof macht und eine unerkannte Gefahr für die Gesellschaft darstellt. In einer Titelstory der jedweder Abstand zur der selbst formulierten These fehlt, weisen die Autoren Hornig, Müller und Weingarten nach, dass das Internet offensichtlich die Fähigkeit sich zu bilden einschränkt. Gestützt wird das ganze durch Fallbeispiele von Menschen, die sich aus der gefährlichen Internetsucht befreien konnten oder von solchen, die unter den Konsequenzen des Internets leiden.

Der Artikel ist schrecklich undifferenziert, eine Internetschelte ohne Gleichen. Es wird gemotzt, geklagt, verurteilt. Dass das Internet auch positive Seiten hat, geht zwischen den Zeilen verloren.  Vielmehr verkommt die Titelstory zu einer generellen Technik-Schelte. So heißt es über den Einsatz von Powerpoint im Unterricht:

„Powerpoint kann uns verblöden“, sagt Sherry Turkle, „Kinder lernen jetzt Nachdenken durch Aufzählungspunkte.“ Turkle, Professorin für Soziologie und Psychologie am Massachusetts Institute of Technology, untersuchte den Gebrauch der Software im amerikanischen Bildungssystem. Ihr Befund: Schüler gewöhnen sich daran, nicht mehr in Frage gestellt zu werden; Doppeldeutigkeit wird nicht geschätzt, forsche Präsentationen lassen Widerspruch oft gar nicht erst aufkommen. […]
(S. 91)

Soweit gibt es am Artikel erst einmal wenig auszusetzen. Hier wird das Ergebnis der Forschung einer amerikanischen Professorin wiedergeben. Ihre Erkenntnis, dass nach Powerpointpräsentationen weniger Rückfragen kommen, kann durchaus richtig sein. Jedoch ist die Schlussfolgerung, dass Powerpoint uns verblöden lassen kann, so nicht logisch. Wer hindert den Lehrer oder die Klassenkameraden am Widerspruch? Powerpoint etwa? Das Programm wirft nur Folien an die Wand, ist ein digitaler Overheadprojektor. Also: Nachfragen sind möglich. Wenn der Lehrer diese nicht stellt, ist das ein Problem des Lehrers und nicht der Präsentationen. Die Schlussfolgerung ist also diskutabel. Die Auseinandersetzung des Spiegels mit der These sieht folgendermaßen aus:

Die Frage ist, was eine Technik, deren Vorläufer, der Overheadprojektor, wenig Schaden anrichtete, mit den Köpfen der Menschen macht: Verlieren sie den Durchblick, gerade weil sie alles auf wenige „bullet Points“ reduzieren?
Den Erfolg von Powerpoint kann solche Kritik nicht aufhalten, und ebenso wenig wird die aktuelle Debatte über die digitale Gehirnverschmutzung die moderne Art der Informationsbeschaffung und –verarbeitung ändern.
(S. 91)

Das nenne ich mal eine kritische Prüfung eines Forschungsergebnisses. Das ganze widerholen und mit der Wortschöpfung digitale Gehirnverschmutzung garnieren.  Wirklich differenziert ist die Auseinandersetzung mit Powerpoint also nicht.  Eine erste Frage, die man sich hätte stellen können, ist die Frage, was Powerpoint, ein Programm, das nur für die Einbindung von Cliparts eine Internetverbindung benötigt mit der Frage „Macht das Internet doof“ zu tun hat.

Nach der Powerpoint-Schelte wird von einem armen Bibliothekar in Cambrigde berichtet, dessen heilige Bücherhallen zu Surfstationen für lesensunfähige Studenten verkommen.  Darüber hinaus berichtet der Artikel von Börsenmaklern, die nicht abschalten könne, Schülern die „Abschreiben 2.0“ praktizieren und so ihre Lehrer in den Wahnsinn treiben. Kurz um: Das Internet macht doof und süchtig. Die Konsequenz sind

Verhaltensauffällige und hochnervöse Individuen […], die immer mehr erfahren und immer weniger wissen.
(S. 80)

Diese Individuen sind unfähig Fakten kritisch zu hinterfragen. Auf Widersehen Humboldt.

Das ist eine starke These, die so in einer wissenschaftlichen Diskussion nicht haltbar wäre. Henry Jenkins z.b. (auch ein amerikanischer Professor) beschreibt in Convergence Culture z.b.  neue Möglichkeiten der vernetzten Welt. Michael Wesh hat anthropologische Forschungen bei Youtube angestellt. Und wer nicht über den Teich schauen will, kann mal bei Winfried Marotzki den „Bildungswert des Internets“ erfragen. Benjamin Jörissen untersucht für seine Habilitation Avatare in virtuellen Welten. Die Auswahl ist natürlich nicht vollständig. Es sind halt Texte mit denen ich im Studium in Kontakt gekommen bin und die mir schnell einfallen.
Allen Publikationen ist jedoch eines gemein: Sie sehen Bildungspotenziale im Internet. Das Web hat mehr zu bieten als Text, den man mit Copy und Paste einfügen kann. Das Web verändert unsere Gesellschaft ohne Frage. Aber schon der Hamburger Medienforscher Thorben Meyer sagt (sinngemäß): Die Lehrer sollen sich nicht darüber aufregen, dass ihre Schüler aus der Wikipedia abschreiben, sie sollen halt die Frage so stellen, dass man nicht einfach aus der Wikipedia abschreiben kann.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der „Participatory Divide“. Dieser besagt, dass das zentrale Problem des Digital Divides in modernen Industrienationen nicht der Zugang zum Internet ist, sondern die Kompetenz dieses zu bedienen die Gesellschaft teilt. In diesem Zusammenhang gibt es eine weitere Erkenntnis: Je höher der (Schul-)Bildungsgrad eines Menschen ist, desto höher ist die Bedeutung des Internets für ihn.

Diese Erkenntnisse sind im Internet zu finden. Teilweise auf PDF-Versionen von Powerpoint-Folien. Also auch im Internet findet sich eine kritische wissenschaftliche Diskussion. Im Spiegel-Artikel scheint diese zu fehlen. Daher die Frage. Tut lesen doof machen tun?

Edit vom 26.8.: Der Artikel ist mittlerweile auf Spiegel-Wissen online einsehbar.