Glaubt man einer Folge der Simpsons hat „Der Club der toten Dichter“ eine ganze Lehrer Generation unbrauchbar gemacht. In wieweit dies zutrifft kann und will ich an dieser Stelle nicht erörtern, sicher erscheint mir jedoch, dass der Film zumindest das Bild vom Pädagogen im Kino nachhaltig geprägt hat. Es ist ein Erzählmuster entstanden, dass ich mangels besserer Ideen für die Bezeichnung als „Pädagogenfilm“ benenne. Die Filme die ich diesem Muster zuordne sind unterschiedlichen Genres zuzuordnen, wobei man im groben eine ernste (Drama) und eine komische Variante (Komödie) unterscheiden kann, wie die folgende kurze Aufzählung zeigt:
- Der Club der toten Dichter (Drama, 1989)
- Sister Act (Komödie, 1992)
- High School High (Komödie, 1996)
- School of Rock (Komödie, 2003)
- Mona Lisas Lächeln (Drama, 2003)
- Die Kinder des Monsieur Mathieu (Drama, 2004)
Wer die Filme kennt, weiß, dass diese sich auf dem ersten Blick sehr stark unterscheiden. Und Deloris alias Schwester Mary Clarence als Pädagogen zu bezeichnen, mag ebenso seltsam erscheinen. Doch sowohl im ersten als auch im zweiten Teil, wird die Geschichte einer Frau erzählt, die ihren Schützlingen nicht nur Dinge lehrt (singen) sondern auch die Sichtweise ihrer SchülerInnen auf sich selbst und die Welt verändert. Die Narration folgt auch in Sister Act einem bestimmten Schema, das sich für alle Pädagogenfilme konstatieren lässt.
Die Narration
Die Narration des Pädagogenfilms verläuft chronologisch. Man kann sie auch als Hollywoodmuster deuten, weil die Hauptfigur/der Pädagoge immer Schwierigkeiten zu überwinden hat. Die Geschichte folgt dabei folgendem Ablauf:
- Ein unerfahrener Pädagoge kommt in eine Lehrumgebung, die sich durch festgefahrene (meist behavioristisch geprägte) Strukturen auszeichnet.
- Mit Begeisterung für sein Fach schafft er seine SchülerInnen ebenfalls zu begeistern.
- Ein Schüler (Der Schützling, mehr dazu in Personen) findet trotz großen Talents keinen Zugang zum Thema.
- Der Schützling wird trotz (zumeist familiärer) Probleme zum Mitmachen animiert.
- Die Unterrichtsmethoden des Pädagogen stoßen auf Widerspruch beim Vorgesetzen.
- Trotz Auseinandersetzungen mit dem Vorgesetzen, verbucht der Pädagoge einen Erfolg und hat seine Schüler gelehrt und gebildet.
- (Nicht immer, aber fast immer): Der Pädagoge muss seine Wirkungsstätte verlassen. Oftmals unfreiwillig. Dennoch bleibt er „Sieger“.
Die Personen
Auch in der Personenkonstellation finden sich im Pädagogenfilm konstanten. Folgende Charakterbeschreibung treffen auf fast jeden Pädagogenfilm zu:
Der Pädagoge
Die Hauptperson ist pädagogischer Laie. Seine Lehrtätig ist oftmals seine erste und im Kollegium ist er eine der Jüngsten. Dementsprechend besitzt er eine andere Auffassung vom Lehren als seine älteren Kollegen. Während diese die Schüler oftmals als junge Menschen sehen, die es behavioristisch zu formen gilt, sieht die Hauptperson seine Aufgabe darin, seine Schüler für das Thema zu begeistern.
In „Der Club der toten Dichter“ ist es John Keating, der als junger Lehrer an der erzkonservativen Welton Akademie lehrt. Seine Aufgabe besteht eigentlich darin, den Schülern ein Analysemodell beizubringen, dass Gedichte auf einer Punkteskala bewertet. An der Schule scheint das Modell unangefochten zu gelten. Keating ist der einzige Lehrer, der seine Schüler zum eigenen Denken auffordert, erleben statt verstehen scheint sein Motto zu sein.
Mary Clarence zieht sich in „Sister Act“ den Zorn ihrer Vorgesetzten zu, indem sie dem Chor seine klassischen Lieder etwas moderner interpretieren lässt. Clément Mathieu in dem Internat indem er zum ersten Mal eine Stelle auf Aufseher antritt, der einzige der seine Schutzbefohlen nicht als potentielle Straftäter zu sehen scheint und auf andauernde Bestrafungen verzichtet.
Das Thema mit dem die Schüler begeistert werden ist oftmals ein künstlerisches. Die Gedichte im „Club der toten Dichter“, die Musik in „Sister Act“, „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ und „School of Rock“.
Der Schützling
Eine weitere Person, die immer wieder auftaucht, ist die des Schützlings. Wie es die Natur der Dinge so will ist einer der Schüler besonders begabt. Bei Monsieur Mathieu ist es der Rebell Morhange, der eine besondere Stimme hat. Der Club der toten Dichter ist von Neil Perrys Schauspielkunst begeistert. In High School High ist es Griff McReynolds der intelligenter zu sein scheint als die übrigen.
Charakteristisch für den Schützling ist es, dass er selbst mit seinem Lehrer die Faszination für das Thema teilt, aber aus persönlichen oder familiären Gründen daran gehindert wird, dieser nachzugehen. Neils Vater hält Schauspielerei für brotlose Kunst, Morhange ist ständig reglementiert und Griff McReynolds kämpft mit seiner kriminellen Vergangenheit.
Der Vorgesetzte
Komplettiert wird das Personenexempel von dem Vorgesetzten. Dieser leitet seine Einrichtung mit – in heutigen Maßstäben – veralteten, teilweise schülerunwürdigen, Methoden. Ob es Schuldirektorin Evelyn Doyle in „High School High“ oder Rachin der Leiter des Internats in dem Mathieu seinen Dienst tut sind, sie alle stellen den geistig unbeweglichen Gegenpart zu den „modernen“ Methoden des „jungen“ Pädagogen dar.
Das Setting
Der Pädagogenfilm spielt in einer (Lehr- und Lern-) Umgebung die von ihrem Umfeld abgeschottet ist. Oftmals nicht nur gesellschaftlich sondern auch geographisch. In „Sister Act“ muss Dolores in einem Kloster untertauchen. In „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ und „Der Club der toten Dichter“ spielt die Handlung in einem Internet. Das Wellesley College in „Mona Lisas Lächeln“ ist ebenso exklusiv wie die Privatschule in „School of Rock“. Lediglich in „High School High“ ist die Schule allen zugänglich. Jedoch wird sie fast nur von Kindern aus dem sozial schwächeren Milieu frequentiert und von außen gemieden, erweist sich also auch als geschlossene Umgebung. Eine Analyse von Mise en Scene und Kinematographie erspare ich mir an dieser Stelle. Das hier ist ein Blogbeitrag und keine Hausarbeit
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Was bildet?
Die letzte Frage, die ich im diesem Beitrag beantworten möchte, ist welches Verständnis von Lernen, Lehren und Bildung im Pädagogenfilm vorherrscht. Die Antwort ist einfach: Bildung bedeutet Irritation. Ein junger Lehrer kommt in ein junges Kollegium und irritiert seine Schüler mit neuen Methoden, anderen Sichtweisen als seine Kollegen. Dabei ist sein Bezugspunkt (fast) immer die Alltagswelt seiner Schüler. Carpe Diem heißt das Motto von John Keating. Eine Aufgabe – keine Lösung.

Nonnen als “Pädagogen” zu bezeichnen finde ich ein wenig “flapsig”.
Denn: professionelle Pädagogen wissen. Nonnen glauben…
Ferner würde ich die Muster so deuten, dass ein/eine Neue/r in eine statische, oder um es mal anders zu sagen, verkrustete Institution kommt. Diese verändert er durch die Änderung von Regeln, was zur Folge hat, dass alte Stukturen aufgebrochen oder hinterfragt werden. Am Ende steht dann meist ein verändertes institutionelles Szenario. Dieses Muster könnte man auch auf Filme wie Brubaker oder auch (um es mal auf die Spitze zu treiben) Rambo (first blood…also Teil1) anwenden.
Von daher würde ich den “Pädagogen-Film” eher als “Bildungsfilm mit biographischer/biografischen Komponente/n” beschreiben wollen.
Moin Christopher,
ich wollte sicher nicht alle Nonnen als Pädagogen bezeichnen. Nur ist Mary Clarence ja keine Nonne und sicherlich auch nicht sonderlich fest in ihrem Glauben. Die Tätigkeit die sie ausübt ist aber die eines Pädagogen. Sie lehrt den Nonnen singen und verändert ihr Verhältnis zu sich selbst und zur Welt. Aber du hast schon recht, es ist sicherlich etwas flapsig von Mary Clarence als Pädagogin zu sprechen, aber mir ging es ja nur darum ein Muster herauszuarbeiten. Wer sich Pädagoge nennen darf und wer nicht, ist eh ein schwieriges Thema. Juristisch ist es relativ einfach: Medienpädagoge ist kein geschützter Begriff. Also jeder Hampel kann sich so nennen.
Rambo als Pädagoge zu sehen ist auch eine sehr interessante Sichtweise. Wenn ich grad nichts durcheinanderbringe spricht er im zweiten Teil weniger als 10 Worte. Ob das zu dem Verständnis von Lehren als Kommunikation passt…
Zu deinem letzten Satz: Natürlich hast du recht. Der Pädagogenfilm ist ein biographisch geprägter/inszenierter Bildungsfilm. Das erklärt sich eigentlich auch von selbst, da du wahrscheinlich, genau wie ich, deinen Bildungsbegriff von Herrn Marotzki hasst, der ja einen biographietheoretischen Hintergrund aufweist.
Deswegen nannte ich auch den ersten Teil, welcher de facto der tiefgehenste Teil ist. Es gab auch ein alternatives Ende, bei welchem Rambo sich selbst erschießt (Teile davon sind in Teil 4 zu sehen…welch Ironie). Von daher sind die Folgeteile eher als kommerzielle und action(über)geladene Fortsetzungen zu sehen (in Teil 1 stirbt genau 1 Mensch). Soviel zur Ergänzung ^
Du musst das positiv sehen. Das wirft jetzt ein gutes Licht auf uns Medienbildner. Immerhin zeigen wir hier, dass wir in der Lage sind, eine Diskussion zu führen ohne plumpe Verallgemeinerungen gelten zu lassen.