Wolfgang Ruge

kleiner Denker mit großer Stirn

Von Graswurzeln und Wolken – Gedanken zur Zukunft des Internets

21. März 2008

Superstar Internet

Das Internet ist der Superstar unter den Medien. Für die klassischen Medien ist es oftmals Konkurrenz. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen Leser an die Newsangebote im Web und der neue Trend Videos über das Netz zu verbreiten wird in den kommenden Jahren sicherlich in Konkurrenz zum Fernsehen treten. Diese Konkurrenzsituation, die letztendlich in einer Spezialisierung der einzelnen Medien und nicht in einem Untergang des einen enden wird, wird oftmals vergessen, dass das Internet nach anderen Regeln „funktioniert“ als ein klassisches Massenmedium.

Massenmedien funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Ein Sender bedient mehrere Empfänger. Die Auswahl, womit der Empfänger bedient wird, obliegt zumeist einer Redaktion. Im Internet kann ein jeder zum Sender werden. Mittlerweile ist nicht einmal eine eigene Homepage Voraussetzung. Ob Blogger oder WordPress, in wenigen Klicks ist ein Blog online. Empfehlenswerte Webseiten speichert man bei Del.icio.us, Mister Wong oder Diigo. Für Fotos und Medien gibt es Flickr, Youtube, Sevenload und viele mehr.

Artikulationen im basisdemokratischen Raum

Sich im Internet zu artikulieren ist auch für den technisch unbegabten Normalsurfer keine Schwierigkeit mehr. Dies hat zur Folge, dass sich im Internet eigene Kulturen bilden, so dass man das Internet nicht nur als eine Verbindung von (seelenlosen (?)) Rechnern sehen kann, sondern auch als Kulturraum. Ich erachte eine Analyse dieses Kulturraums für unbedingt notwendig und wichtige Grundlagen wurden auch schon geschaffen. Henry Jenkins beschreibt in „Convergence Culture“ neue Formen der Vergemeinschaftung, bei denen das Internet eine große Rolle spielt. Danah Boyd liefert Grundlageforschung zu Sozialen Netzen. Und auch im deutschsprachigen Raum finden sich mittlerweile Forschungsmethoden, die auf den Kulturraum Internet zugeschnitten sind (Online-Ethnografie, Avataranalyse, Diskursanalyse multimedialer Artikulationen).

Das Internet als Kulturraum zu sehen hat sich also durchgesetzt. Die neuen Gemeinschaftsformen haben – so scheint es zumindest – eine große Gemeinsamkeit: Eine basisdemokratische Ausrichtung. In der Wikipedia entscheidet die Mehrheit was Lesenswert ist, die Tags eines jeden Nutzer bei Flickr oder del.icio.us haben die gleiche Wertigkeit. In diesen Strukturen scheint das Medium als Botschaft durchzuschimmern, sind doch in der technischen Basis des Internets alle Datenströme gleich (Netzneutralität).

Die Netzneutralität scheint wie geschaffen für eine Form der Graswurzel-(Mikro)-Politik. Die eingefahrenen Machstrukturen der Mediokratie können im Internet unterlaufen werden. Das Internet scheint wie geschaffen, die Basis für eine urdemokratische Gesellschaft zu sein – sind doch alle Daten gleich und folglich schwer zu zensieren.

Die Wolken am Horizont: Machtkonzentration im Internet

Ein genauerer Blick auf die Strukturen des Internets zerstört diesen schönen Traum jedoch. Die großen Netzbetreiber arbeiten an einer Aufhebung der Netzneutralität. Datenpakete könnten dann nach Wichtigkeit (wie immer diese definiert ist) gefiltert werden. Dabei geht es jedoch vor allem um kommerzielle und weniger um politische Interessen.

Die Machtkonzentration im Internet findet auf einer anderen Ebene statt, auf der der so genannten Content-Provider (Gemeint sind Anbieter die Inhalte anbieten. Also sowohl Spiegel-Online als auch Youtube). Auf dieser Ebene lässt sich ein Wandel des Internets zur Cloud beobachten.

Der Begriff des Cloud Computing meint, dass Anbieter Speicherplatz und Datentransfer von anderen anmieten, also die technische Infrastruktur auslagern. Das ist erstmal nichts neues, lohnt sich doch gerade für viele kleinere Homepage kein eigener Server, so dass ein Shared Hosting Paket ausreicht. Neu ist jedoch, dass dies zum Massenphänomen wird, da auch die privaten Nutzer nun ihre Daten ins Internet stellen. Dafür mieten sie selten eigenen Platz, dies hat zur Folge, dass sich die Daten des Internets zu einem Großteil in diesen Clouds ansammeln. Millionen Videos und Blogs liegen bei Youtube und Blogger auf Google-Servern, kleinere Startups hosten ihren Speicherplatz bei Amazons Dienst S3, Flicr und Del.ico.us gehören zu Yahoo. Würden diese 3 Unternehmen durch einen unglücklichen Zufall auf einmal Offline gehen, wäre der Webhimmel fast wolkenlos und ziemlich leer (Zum Glück ist dies relativ unwahrscheinlich).

Ist dies nun das Ende der Basisdemokratischen Ausrichtung des Internets? Sorgen die Wolken dafür, dass den Graswurzeln die Sonne fehlt? Wird auch das Internet zu einer Gemeinschaft mit elitären Machtstrukturen? Sind Amazon, Yahoo und Google die Volksparteien des Internets?

In meinen Augen sind dies die entscheidenden Fragen für die Zukunft des Internets. Sie zu beantworten ist ein schwieriges Unterfangen. Es gilt zwei Seiten zu untersuchen. Die technische und die soziale. Technisch wird man vielleicht feststellen, dass sich „Machtzentren“ bilden. Sozial werden sich weiterhin basisdemokratischen Gemeinschaften durchsetzen.

Technisch in Machtclouds eingeteilt – sozial Basisdemokratisch organisiert? Ist das die Zukunft des Internets?

Ich werde die Frage an dieser Stelle unbeantwortet lassen. Denn ähnlich wie die Einschätzung, der weltweite Bedarf an Personal-Computern betrage 3, würde sich meine Antwort wohl als großer historischer Irrtum erweisen.

Die Kommentare sind geöffnet. Antworten auf die offenen Fragen erbeten.

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Medienwelt und Medienbildung
Tags
Clouds, Demokratie, Graswurzel, Internetzukunft, Machtstrukturen, Netzneutralität, Social Web
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